{"id":1305,"date":"2022-02-27T16:04:00","date_gmt":"2022-02-27T15:04:00","guid":{"rendered":"https:\/\/transit.alice.ch\/dialogue\/attitude-is-the-prerequisite-for-flexibility\/"},"modified":"2023-12-12T16:48:53","modified_gmt":"2023-12-12T15:48:53","slug":"attitude-is-the-prerequisite-for-flexibility","status":"publish","type":"dialogue","link":"https:\/\/thinktank-transit.ch\/de\/dialogue\/attitude-is-the-prerequisite-for-flexibility\/","title":{"rendered":"Haltung ist die Voraussetzung f\u00fcr Flexibilit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group has-cyan-bluish-gray-background-color has-background is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<h2 class=\"wp-block-heading\">About Chris B\u00fchler<\/h2>\n\n\n\n<p>Chris B\u00fchler ist lizenzierter Digitalisierungsethiker mit einem Hackerherz und einem Flair f\u00fcr clevere Mechanik. Er ist als freischaffender Berater, Referent und Coach t\u00e4tig und referiert und diskutiert an Hochschulen, Firmenworkshops oder virtuellen Stammtischen \u00fcber Themen aus den Bereichen Digitalisierung &amp; Gesellschaft, Future Skills und nat\u00fcrlich Cyberethik.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/chrisbuehler.ch\">https:\/\/chrisbuehler.ch<\/a><\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-style-reduced-width is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"is-style-lead\">Chris B\u00fchler, wir&nbsp;leben in einer Zeit, von der man sagt, es sei praktisch nichts mehr voraussagbar. Welche Haltung nimmt angesichts dieses vermeintlichen oder tats\u00e4chlichen Nebels der Ethiker&nbsp;ein?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Chris B\u00fchler: Als&nbsp;guter&nbsp;Philosoph spiele ich nat\u00fcrlich gleich einmal den Geist,&nbsp;der stets verneint, und&nbsp;stelle die Gegenfrage: Ist die Welt wirklich so&nbsp;unprognostizierbar, wie wir uns das einreden?&nbsp;Sicherlich hat&nbsp;die Geschwindigkeit von Ver\u00e4nderungen&nbsp;in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Aber vieles ist&nbsp;doch immer noch&nbsp;bedeutend stabiler,&nbsp;als wir in den scheinbar&nbsp;hektischen&nbsp;Zeiten glauben m\u00f6gen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Zuletzt hat uns die Pandemie \u00fcberrumpelt. Abgesehen von einzelnen Wissenschafterinnen und Wissenschaftern&nbsp;hat sie niemand kommen sehen. Ist das nicht ein Indiz daf\u00fcr, dass&nbsp;wir uns mit Prognosen schwertun?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt&nbsp;bestimmt&nbsp;vieles, das sich schwer vorhersagen l\u00e4sst. Auch die Finanzkrise von 2008 w\u00e4re ein Beispiel daf\u00fcr.&nbsp;Selbst die meisten Finanzexpertinnen und -experten haben sie nicht kommen sehen. Aber einige, die mit ihren Analysen und Prognosen etwas besonnener vorgingen, eben doch. Daher w\u00fcrde ich&nbsp;dieses Mantra,&nbsp;das nichts mehr sicher&nbsp;sei, wir uns auf nichts verlassen k\u00f6nnen, in Frage stellen. Vieles, das als \u00abl\u00e4ngst veraltet\u00bb verschrien wird, wird uns noch \u00fcber Jahre bis Jahrzehnte begleiten. Gerade Reformen im Bildungswesen beispielsweise sind ja keine Sprints, sondern Marathons. Umgekehrt wird uns vieles als \u00ab<em>die<\/em> Zukunft\u00bb, verkauft, das vielleicht noch lange auf sich warten l\u00e4sst \u2013 oder gar nie Wirklichkeit wird. &nbsp;Als Philosoph w\u00fcrde ich also vielmehr daf\u00fcr pl\u00e4dieren, einen Schritt zur\u00fcckzutreten und jeweils genauer hinzuschauen, was da eigentlich vor sich geht. So k\u00f6nnen wir etwas besser verstehen, was wir uns einreden und was tats\u00e4chlich geschieht.&nbsp;Man k\u00f6nnte sagen: Ein bisschen stoische Sturheit sei angesagt oder \u2013 etwas modischer \u2013 eine Portion Buddhismus. Zur\u00fccktreten, durchatmen, l\u00e4cheln, sich nicht hetzen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Sie beraten Unternehmen in Change-Prozessen. Empfehlen Sie das auch dort?<\/p>\n\n\n\n<p>Durchaus. In den Beratungen nehme ich h\u00e4ufig ein Getrieben-sein wahr. Menschen verbinden Change-Management immer mit schnellen Ver\u00e4nderungen. Aber gerade, wenn es um vertiefte Ver\u00e4nderungen geht, k\u00f6nnen die Prozesse nicht beliebig beschleunigt werden. Menschen kann man nicht einfach ein Prozessor-Upgrade spendieren, damit sie schneller \u00abfunktionieren\u00bb. Abgesehen davon muss vieles auch gar nicht so schnell passieren, wie wir uns einreden lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Sie pl\u00e4dieren also f\u00fcr Gelassenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Gelassenheit finde ich ein sehr wichtiges&nbsp;Stichwort. Das w\u00fcnsche ich mir selbst. Und das w\u00fcnsche ich auch unserer Gesellschaft sehr in dieser Zeit, die oft von scheinbaren Dringlichkeiten gepr\u00e4gt ist. \u00dcber diesen vergisst man nicht selten, was wirklich dringlich ist. Deshalb werden oft die falschen Priorit\u00e4ten gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Sie haben die Stoiker und den Buddhismus genannt. Sie sagen also, die klassischen philosophischen Ans\u00e4tze taugen auch heute noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele klassische philosophische Tugenden gelten immer noch, ja. Aber ich beeile mich immer zu betonen, dass die Philosophie nicht die Geschichte der Philosophie ist. Philosophie ersch\u00f6pft sich nicht im Zitieren von Autorit\u00e4ten wie Aristoteles oder Kant. Nur weil jemand vor 2000 Jahren eine Aussage gemacht hat, braucht diese nicht weiterhin richtig zu sein. Wer das nun als ketzerisch empfindet, mag sich mit diesem Gedanken tr\u00f6sten: Ich vermute, gerade die genannten Denker h\u00e4tten kritisches Pr\u00fcfen ihrer Ideen gegen\u00fcber dem blinden Nachplappern ihrer Aphorismen bevorzugt. Umgekehrt m\u00fcssen die Ideen nicht falsch sein, nur weil sie etwas \u00e4lter sind und damit scheinbar nicht innovativ. Deswegen m\u00f6chte ich trotzdem auf Aristoteles zur\u00fcckzugreifen bzw. auf die aristotelische Kardinaltugend: die Suche nach der Mitte, den Ausgleich zwischen den Extremen, in dem Fall also vielleicht die Mitte zwischen Phlegma und \u00dcberst\u00fcrztheit.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Auch Flexibilit\u00e4t beschreibt ein Konzept, das zun\u00e4chst erst einmal gef\u00fcllt werden muss.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Aus der vermeintlichen Unvorhersehbarkeit und den instabilen Verh\u00e4ltnissen unserer Zukunft leitet sich die Forderung nach Flexibilit\u00e4t ab. Ein weiteres Mantra, das es zu relativieren gilt?<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich relativiere ich es. Auch Flexibilit\u00e4t beschreibt ein Konzept, das zun\u00e4chst erst einmal gef\u00fcllt werden muss. Die Flexibilisierungsforderung wird ja \u00fcber alles M\u00f6gliche gelegt: \u00fcber Arbeitsprozesse genauso wie \u00fcber Lebensentw\u00fcrfe. Aber h\u00e4ufig wissen wir gar nicht, was wir meinen, wenn wir von Flexibilit\u00e4t sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Was versteht der Philosoph Chris B\u00fchler denn unter Flexibilit\u00e4t?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verstehe Flexibilit\u00e4t in Bezug&nbsp;auf&nbsp;Menschen&nbsp;als die F\u00e4higkeit, sich innerhalb eines ungef\u00e4hren Rahmens \u2013 insbesondere mit zeitlichen Grenzen \u2013 an die Umwelt anzupassen und mit Umst\u00e4nden umgehen zu k\u00f6nnen, die \u00fcber die gewohnte Routine hinausgehen.&nbsp;Flexibel sein heisst aber nicht, jeder Situation wie ein unbeschriebenes Blatt zu begegnen und sich allem irgendwie anzupassen, sich also st\u00e4ndig komplett neu zu erfinden. Vielmehr geht es darum, zwischen Bekanntem einerseits und Ver\u00e4ndertem andererseits einen Bogen zu spannen. Darum betone ich auch immer, wie wichtig Haltungen und Orientierungspunkte sind. Erst sie erm\u00f6glichen es, sich souver\u00e4n anpassen zu k\u00f6nnen. Dar\u00fcber hinaus kann Flexibilit\u00e4t kein Dauerzustand sein. L\u00e4uft es darauf hinaus, kehrt man entweder zu alten Grundmustern zur\u00fcck oder ver\u00e4ndert sich so, dass die neue Situation zu einem m\u00f6glichst entspannten, neuen Normalzustand wird. Flexibilit\u00e4t als Kontinuum zerm\u00fcrbt. Trotzdem: Flexibel sein zu m\u00fcssen, kann je nach Kontext eine willkommene Abwechslung oder Herausforderung sein, aber auch als m\u00fchsame Anstrengung oder gar Bedrohung empfunden werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Nun sagen Sie aber selbst, dass Flexibilit\u00e4t alle Lebens- und Arbeitsbereiche erfasst hat. Flexibilisierung der Arbeitszeiten, Arbeitsorte und der Karrieren. Es scheint daraus ein Dauerzustand geworden zu sein. Der Mensch muss st\u00e4ndig und \u00fcberall flexibel sein, damit er mithalten kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso wichtiger scheint es mir, zun\u00e4chst an Fundamenten zu bauen. Konkret heisst das f\u00fcr mich, an der Pers\u00f6nlichkeitsbildung zu arbeiten. Das hat viel mit Selbstreflexion zu tun, was auch wieder eine Grundforderung vieler philosophischer Lehren ist: Erkenne dich selbst! Dar\u00fcber sollte man zu Haltungen gelangen. Eine Haltung ist dabei etwas ganz anderes als eine Position. Sie vermittelt einen Orientierungspunkt. Um diesen herum kann ich mich bewegen und trete so in Kontakt mit meiner Umwelt. Das erm\u00f6glicht Flexibilit\u00e4t: Haltungen sind verhandelbar. Positionen verstehe ich dagegen als etwas Starres.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wenn man alles sein <em>kann<\/em>, muss man sich auch \u00fcberlegen, was man sein <em>will<\/em>.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Flexibilit\u00e4t ist ja auch positiv konnotiert. Da schwingt so etwas wie ein Freiheitsversprechen mit, die L\u00f6sung von starren Hierarchien beispielsweise, vielleicht sogar die Verlockung, dass man alles sein kann, was man sein will. Was steckt in diesem Versprechen?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man alles sein <em>kann<\/em>, muss man sich auch \u00fcberlegen, was man sein <em>will<\/em>.&nbsp;Deshalb stelle ich die Pers\u00f6nlichkeitsbildung an die Basis von ganz vielem. Je besser man im Kontakt mit sich selbst, den eigenen Potenzialen, Haltungen und Werten ist, desto klarer kann man bestimmen, welche Wege einem offen stehen und welche man gehen m\u00f6chte. Das ist nat\u00fcrlich ein laufender, lebenslanger Prozess. Aber so gewinnt man diese Freiheit, die der Flexibilit\u00e4t innewohnen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Wer flexibel sein muss, wer sich immer neu erfinden soll, der muss auch immer wieder Neues lernen. &nbsp;Nehmen Sie auch eine Art Weiterbildungs-Hektik wahr?<\/p>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich glaube ich: Wenn man aufh\u00f6rt zu lernen, kann man auch aufh\u00f6ren zu leben. Wir sind also hoffentlich immer am&nbsp;Lernen, oft auch in einem informellen Kontext. Ich erachte aber auch die institutionalisierte Weiterbildung als etwas Sinnvolles, selbst wenn man sich da manchmal etwas gehetzt f\u00fchlt. Neben dem Schlagwort des Lebenslangen Lernens gibt es heute ja auch andere wie Lean Learning oder Agilit\u00e4t. Man soll m\u00f6glichst alles rasch und on-the-job lernen, in kleinen verdaubaren H\u00e4ppchen. Das hat bestimmt seine Berechtigung. Aber umso wichtiger erscheint mir eine solide Grundbildung zu sein und dann zwischendurch wieder eine vertiefte Weiterbildung. Nur auf diesem Fundament lassen sich kleine Lernh\u00e4ppchen einordnen und souver\u00e4n nutzbar machen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Verunsicherung auszuhalten, ist sicher einer der Future Skills, den man sich in einer Welt, die immer chaotischer wirkt, aneignen sollte.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Menschen, denen nun aber damit gedroht wird, dass es ihren Beruf in ein paar Jahren gar nicht mehr geben werde, m\u00fcssen doch sehr verunsichert sein, umso mehr, wenn sie sich \u00fcber diesen Beruf identifizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Verunsicherung auszuhalten, ist sicher einer der Future Skills, den man sich in einer Welt, die immer chaotischer wirkt, aneignen sollte. \u00dcbrigens bereitet einem ein Philosophiestudium wirklich gut darauf vor, weil man da permanent liebgewonnene Sicherheiten \u00fcber Bord werfen muss. Ich h\u00e4tte w\u00e4hrend des Studiums nie gedacht, dass man da so viel lernen w\u00fcrde, was in meinem zuk\u00fcnftigen Alltag tats\u00e4chlich n\u00fctzlich sein w\u00fcrde (lacht). Aber ich w\u00fcrde den F\u00e4cher gerne noch etwas weiter aufspannen. Denn wor\u00fcber wir jetzt sprechen, ist die Folge einer gesellschaftlichen Entwicklung, die mehrere Jahrzehnte andauert und die man als \u00abEntkanonisierung&nbsp;der Werte\u00bb bezeichnen k\u00f6nnte. Einen grossen Anteil daran hatte die Achtundsechziger-Bewegung, die starre oder als starr empfundene Strukturen und eben auch konservative Werthaltungen radikal in Frage stellte. Diese Generation und die nachfolgenden haben sich auch gegen traditionelle Lebensl\u00e4ufe aufgelehnt, wonach man von der Lehre bis zur Pensionierung dasselbe tut und am besten noch im selben Betrieb. Sie haben die klassische Karriere, den linearen hierarchischen Aufstieg in Frage gestellt und nat\u00fcrlich auch Hierarchien an sich. Aus einer konservativen Perspektive waren das durchaus nihilistische Tendenzen. Und tats\u00e4chlich sind konservative Werte teilweise auf der Strecke geblieben oder zumindest durch neue Werte ersetzt worden. Der Prozess ist weiterhin im Gange, wovon eben die Erfolgsgeschichte von Schlagw\u00f6rtern wie Diversit\u00e4t, Diversifizierung, Agilit\u00e4t und letztlich auch Flexibilit\u00e4t zeugen. Sie sind Fluch und Segen zugleich: Flexibilit\u00e4t gibt mir die M\u00f6glichkeit, alles zu sein, was ich will. Aber sie versetzt mich auch in die Pflicht, mich selbst darum zu k\u00fcmmern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Und ob es Fluch oder Segen ist, ist eine Frage der Haltung, wenn ich Sie richtig verstehe?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich eine Haltung als Fundament einmal erarbeitet habe und mich auch regelm\u00e4ssig frage, ob sie noch richtig ist, habe ich etwas, worauf ich immer wieder zur\u00fcckkommen kann. In diesem Fall ist Flexibilit\u00e4t auch wirklich eine gute Sache. Ich kann etwas Neues ausprobieren, weil ich meine Orientierungspunkte habe. Ich sage bewusst Orientierungspunkte in der Mehrzahl, weil es ja nicht nur um einen Kern geht. Wir haben verschiedene Rollen in unserem Leben, verschiedene Interessen. So kann ich auch Neues integrieren, dann habe ich einen Punkt mehr. Oder ich entscheide, dass etwas doch nicht mein Ding ist. Das ersch\u00fcttert mich dann eben viel weniger, als wenn ich nur einen Hauptidentifikationspunkt f\u00fcr mich selbst habe. In unserer Gesellschaft ist die Erwerbsarbeit nach wie vor h\u00e4ufig dieser Dreh- und Angelpunkt unserer Identit\u00e4t. Wenn der bedroht wird und wenige andere tragende Pfeiler da sind, ist es kein Wunder, wenn der Begriff Flexibilisierung Angst ausl\u00f6st und kein Freiheitsgef\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Den Wunsch nach Orientierung und Sicherheit w\u00fcrde ich als anthropologische Konstante bezeichnen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Wir haben vorhin von der Ersch\u00fctterung traditioneller Wert gesprochen. Ganz verschwunden sind sie nicht. Im Gegenteil: Sie leben fort und erstarken mitunter auch wieder. Woran liegt das?<\/p>\n\n\n\n<p>Den Wunsch nach Orientierung und Sicherheit w\u00fcrde ich als anthropologische Konstante bezeichnen. In diesem Sinn kann man Slogans wie Agilit\u00e4t und Flexibilisierung durchaus auch so lesen: Es sind Spr\u00fcche, sicher nicht v\u00f6llig gehaltlos, aber Spr\u00fcche, die man sich auf die Fahnen schreibt, um gut dazustehen. Aber man spielt vielleicht zuweilen nur etwas Flexibilit\u00e4tstheater und ist ganz froh, wenn man abends wieder nach Hause kann, an den Ort, den man kennt, in die Strukturen, die einem vertraut sind. Eine Manifestation dieser Flexibilisierung in der Arbeitswelt ist zum Beispiel die Aufhebung von festen Arbeitspl\u00e4tzen. H\u00e4ufig steckt eine \u00f6konomische Rationalit\u00e4t dahinter: Man hat Teilzeitleute, man braucht also weniger Raum und kann Mietkosten sparen, wenn man Desk-Sharing betreibt. Im Prozess der Umsetzung fallen aber immer wieder bestimmte Muster auf: Zuerst dominiert h\u00e4ufig Skepsis. Doch dann ist zun\u00e4chst alles viel einfacher als erwartet, die Arbeitsplatzaufteilung mischt sich neu. Nach einem halben Jahr jedoch haben sich oft wieder stabile Strukturen gebildet. Die Leute k\u00f6nnten zwar jeden Morgen ihren Arbeitsplatz neu w\u00e4hlen, aber sie setzen sich doch wieder immer an denselben Platz oder in dieselben Konstellationen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Und doch wird es immer wieder aufs Neue versucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Umgekehrt glaube ich nicht, dass wir Stabilit\u00e4t und Klarheit in jedem Fall und zu jeder Zeit brauchen. Es sind eher Phasen, die sich abwechseln und teilweise in verschiedenen Lebensbereichen auch \u00fcberlappen k\u00f6nnen: Wenn Familie oder Wohnsitz sehr klar sind, dann k\u00f6nnen wir im Beruf sicher flexibler sein. Wenn wir gerade famili\u00e4re Turbulenzen durchleben, sind wir froh, wenn der Beruf stabil ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Im Beruf flexibler sind heute dennoch auff\u00e4llig viele Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz noch zu der Zeit, als ich ins Arbeitsleben einstieg, ist es heute Gang und G\u00e4be, die Stelle h\u00e4ufiger zu wechseln. Wenn man mit 30 schon vier oder f\u00fcnf Stellen besetzt hat, zeigt man, dass man sich schon Verschiedenes angeschaut hat, sich in unterschiedlichen Kontexten bewegt und vieles gelernt hat. Zu meiner Zeit h\u00e4tten das noch die meisten HR-Menschen als \u00abunsteten Lebenswandel\u00bb gebrandmarkt. Aktuell wird diese Art der Flexibilit\u00e4t als positiv wahrgenommen. Man hat heute die M\u00f6glichkeit, die Position, die Aufgabe, ja sogar den Beruf zu wechseln und sich daf\u00fcr entsprechend weiterzubilden. Das ist letztlich auch die Voraussetzung f\u00fcr echtes New Work, n\u00e4mlich das zu tun, \u00abwas ich wirklich, wirklich will\u00bb, wie es der Erfinder des Konzepts, Frithjof Bergmann, sagte.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wir finden Stabilit\u00e4t auch wieder st\u00e4rker in religi\u00f6sen oder vielleicht eher spirituellen Gemeinschaften.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">K\u00f6nnte man sagen, Flexibilit\u00e4t und Stabilit\u00e4t bedingen sich gegenseitig?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke schon. Wir finden Stabilit\u00e4t auch wieder st\u00e4rker in religi\u00f6sen oder vielleicht eher spirituellen Gemeinschaften. Zwar verzeichnen die Landeskirchen viele Austritte. Aber Freikirchen oder alternative religi\u00f6se Angebote haben starken Zulauf. Das zeigt, dass wir uns nach langfristiger Orientierung sehnen. Da kommt mir spontan auch der Sport in den Sinn. Die Identifikation mit einem Verein dient manchmal geradezu als Ersatzreligion. Mit einem Fussballklub etwa sind wir nicht nur ein Leben lang, sondern oft auch Generationen lang verbunden. Das ist, wenn man es so sagen m\u00f6chte, die \u00dcberwindung der Flexibilit\u00e4t. Wir haben zwar ein viel breiteres Wahlangebot. Aber aus diesem picken wir uns wieder Dinge heraus, die uns Stabilit\u00e4t vermitteln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Aber den Fussballklub kann man ja trotzdem wechseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich. Und auch bei nicht allzu krassen religi\u00f6sen Angeboten geht das. Und es ist auch im Beruf m\u00f6glich geworden. Das Wissen, dass wir nicht starr bei einer einmal getroffenen Wahl bleiben m\u00fcssen, gibt uns die Freiheit, mehr auszuprobieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Ist das die Essenz unserer Zeit: Das Wissen, dass wir nicht m\u00fcssen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke das hat was \u2013 und es kann Befreiung und Belastung sein. Meine Hoffnung ist nat\u00fcrlich, dass wir dieses Nicht-M\u00fcssen als Chance sehen, als Chance, neugierig und lernhungrig zu bleiben. Das sind gute Voraussetzungen, dass wir f\u00fcr uns selbst ein gutes Leben gestalten k\u00f6nnen und auch unserer Gesellschaft und unserer Umwelt insgesamt Gutes tun.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chris B\u00fchler ist Digitalisierungsethiker. 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