{"id":1309,"date":"2021-12-09T16:09:00","date_gmt":"2021-12-09T15:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/transit.alice.ch\/dialogue\/supposed-freedom-and-the-urge-to-optimise-oneself\/"},"modified":"2023-12-12T16:47:23","modified_gmt":"2023-12-12T15:47:23","slug":"supposed-freedom-and-the-urge-to-optimise-oneself","status":"publish","type":"dialogue","link":"https:\/\/thinktank-transit.ch\/de\/dialogue\/supposed-freedom-and-the-urge-to-optimise-oneself\/","title":{"rendered":"Die vermeintliche Freiheit und der Zwang zur Selbst\u00adoptimierung"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group has-cyan-bluish-gray-background-color has-background is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<h2 class=\"wp-block-heading\">About Ulla Klingovsky<\/h2>\n\n\n\n<p>Ulla Klingovsky leitet die Professur f\u00fcr Erwachsenenbildung und Weiterbildung am Institut Weiterbildung und Beratung der P\u00e4dagogischen Hochschule, Fachhochschule Nordwestschweiz (PH FHNW). Zudem ist sie Leiterin der Vertiefungsrichtung Erwachsenenbildung im Master of Educational Sciences des Instituts f\u00fcr Bildungswissenschaften der Universit\u00e4t Basel.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-style-reduced-width is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"is-style-lead\">Eine Ihrer Publikationen tr\u00e4gt den Titel \u00abSch\u00f6ne neue Lernkultur\u00bb. Was verstehen Sie unter dem Begriff \u00abLernkultur\u00bb?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff der Lernkultur ist in der Fachliteratur nicht klar umrissen. Dennoch wurde im ausgehenden 20. Jahrhundert im Kontext der Diskussion um selbstorganisiertes, lebenslanges Lernen und Kompetenzorientierung die Forderung nach einer \u00abneuen\u00bb Lernkultur laut.<\/p>\n\n\n\n<p>Meines Erachtens bleibt der Begriff diffus, er verweist nicht auf etwas real Gegebenes, sondern funktioniert mehr als ein Versprechen: Das Lernen der Menschen soll in dieser neuen Lernkultur freier, lebendiger, selbstbestimmter und die individuellen Entwicklungsm\u00f6glichkeiten sollen endlich unbegrenzt sein. Eine neue Lernkultur soll dabei Prozesse erm\u00f6glichen, in denen Lernende ihre Lernbed\u00fcrfnisse selbst feststellen, ihre eigenen Lernziele definieren und ihre pers\u00f6nlichen Ressourcen f\u00fcr das Lernen mobilisieren. Keine Bevormundung, gar Manipulation durch die Macht der Kursleitenden und Institutionen mehr; deren Fremdbestimmung soll in einer neuen Lernkultur demgegen\u00fcber durch radikale Selbststeuerung abgel\u00f6st werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun k\u00f6nnte man sagen: Das klingt alles sch\u00f6n und gut, aber dieses Versprechen wurde ja so bislang noch gar nicht eingel\u00f6st. Noch immer sitzen Erwachsene in uniform m\u00f6blierten und organisierten Kursr\u00e4umen, lauschen mehr oder weniger aufregenden Power-Point-Vortr\u00e4gen und sind von ihren Arbeitgebenden in die Weiterbildung entsendet worden. Wir sind ja weit von einer mobil-flexiblen Innenarchitektur individualisierter Lernateliers oder kollaborativer Erkundungsr\u00e4ume entfernt. Aber dennoch ist der Begriff auch kein leeres Versprechen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Erwachsenen- und Weiterbildung im neuen Jahrtausend soll einen radikal individualisierenden Umbau erfahren: Die Bildung Erwachsener wird hierin nicht (l\u00e4nger) als kollektive Notwendigkeit betrachtet, sondern als pers\u00f6nliche Investition.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Sondern?<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachten wir die Versprechen der neuen Lernkultur mit der Machtanalyse Michel Foucaults, erkennen wir ihre subjektorientierte Programmierung. Die Erwachsenen- und Weiterbildung im neuen Jahrtausend soll einen radikal individualisierenden Umbau erfahren: Die Bildung Erwachsener wird hierin nicht (l\u00e4nger) als kollektive Notwendigkeit betrachtet, sondern als pers\u00f6nliche Investition. Statt eines staatlich geregelten Rechts auf Bildung werden Weiterbildungsverpflichtungen installiert und Laufbahnoptionen an Zertifikate gekoppelt. Anstatt die Erwachsenen- und Weiterbildung im Kontext von Demokratie, Wissensgenese und gesellschaftlichen Verhandlungsprozessen \u00fcber dr\u00e4ngende Gegenwartsfragen zu verorten, ger\u00e4t sie in die F\u00e4nge von kleinteiligen Zertifikats-, Akkreditierungs- und Beurteilungsverfahren, mit deren Hilfe die individuelle Brauchbarkeit f\u00fcr den Arbeitsmarkt nachgewiesen werden soll. Diese Umbauarbeiten geben durchaus Anlass zur Kritik, vor allem, weil sie zugleich mit einem Umbau der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse insgesamt zu tun haben \u2013 Stichworte: Individualisierung, Responsibilisierung, \u00d6konomisierung, Digitalisierung, Abbau des sogenannten Wohlfahrtsstaates etc.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Inwiefern kann die Machtanalyse Foucaults dies offenlegen?<\/p>\n\n\n\n<p>Was meine Faszination f\u00fcr Foucaults Machttheorie ausmacht, ist der radikal andere Machtbegriff, den er uns zu denken aufgibt. F\u00fcr Foucault ist Macht eben gerade nicht in einem Staatsapparat lokalisiert, sie ist auch kein Besitz. Es ist nicht so, dass manche \u2013 \u00abder Staat\u00bb, \u00abdie Unternehmen\u00bb \u2013 die Macht besitzen, w\u00e4hrend andere nicht \u00fcber sie verf\u00fcgen. Macht wirkt f\u00fcr Foucault auch nicht von oben nach unten. Die fundamentalste \u00dcberlegung liegt aber in der Verabschiedung des Gedankens, wonach Macht immer nur negativ verhindernde oder einschr\u00e4nkende Funktion h\u00e4tte. Bei Foucault ist die Macht raffiniert, kreativ, sie stachelt an, sie fordert heraus, kurz gesagt: Sie unterst\u00fctzt den permanenten Umbau von sich selbst, den Verh\u00e4ltnissen, Ritualen und Gewohnheiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das ist gewissermassen genau das, was in der neuen Lernkultur gefordert wird: Niemand soll hier von jemand anderem zum Lernen \u00abgezwungen\u00bb werden, aber dennoch wird die klassische Angebotsstruktur der Erwachsenenbildung, in der ein strukturierter Aufschluss von Lerngegenst\u00e4nden erm\u00f6glicht werden sollte, von einer reinen Nachfrageorientierung abgel\u00f6st, in der Subjekte selbst nach ihren vermeintlichen Bed\u00fcrfnissen (resp. den Bedarfen der Arbeitgebenden) Weiterbildungsangebote wie ein Produkt erwerben. Auch die Profession \u2013 so die Forderung \u2013 habe sich mit all ihren professionellen Beratungs-, Lehr- und Gestaltungskompetenzen zur\u00fcckzuziehen, weil sie das Lernen Erwachsener doch nur fremdbestimmen w\u00fcrde. An ihre Stelle tritt radikale Selbstbestimmung der lernenden Subjekte. Die hierf\u00fcr in einer neuen Lernkultur vorgestellten Gestaltungsoptionen \u2013 die sich gegenw\u00e4rtig auch in den zahlreichen Online-Weiterbildungen zeigen \u2013 lassen sich mit Foucault durchaus als \u00abTechnologien des Selbst\u00bb bezeichnen: Anleitungen, die es den Individuen erm\u00f6glichen, eine Reihe von Operationen an ihrem Denken, Handeln und ihrer Existenzweise vorzunehmen, um damit sich selbst und ihr eigenes Lernen permanent umzugestalten und weiterzuentwickeln. Sie dienen vor allem dazu, sich selbst als jederzeit flexibles, eigenaktives und selbstverantwortliches individuelles Subjekt resp. als Humankapital zu entwerfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Aber es besteht doch sozusagen Wahlfreiheit \u2013 oder auch die Freiheit auf Verzicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist richtig. Stets wird in den Umrissen einer neuen Lernkultur die absolute Freiheit, die grenzenlose Autonomie und die radikale Selbstbestimmung der lernenden Subjekte betont. Foucault zeigt nun aber, dass wir so frei, wie in dieser Narration des Individualismus unterstellt wird, letztendlich gar nicht sind \u2013 nicht sein k\u00f6nnen. Freiheit ist in gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen stets eine relationale Gr\u00f6sse: Schon Hegel wusste, meine Freiheit endet dort, wo die des anderen beginnt. Der Clou einer derartigen Analyse ist also, dass Technologien des Selbst zwar freie Gestaltungsr\u00e4ume er\u00f6ffnen, die Subjekte darin aber nicht frei, sondern angehalten sind, sich zu ver\u00e4ndern. Das Credo lautet dann \u00abGestalte Dich selbst!\u00bb und dies permanent und stets auf neue, immer weiter in optimierender Weise.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Dem Prinzip des lebenslangen Lernens zu folgen, hiesse demnach, sich dem Zwang zur st\u00e4ndigen Selbstoptimierung unterzuordnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer durch und durch globalisierten, beschleunigten und von der Narration der st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderungen gepr\u00e4gten Welt droht ein nur noch als Humankapital bezeichneter Mensch seine Lebensberechtigung zu verlieren, wenn er den Anschluss verliert. Wenn man Betroffene in dieser Weise zu Beteiligten macht, sind sie f\u00fcr ihr Scheitern am Ende letztlich selbst verantwortlich. Responsibilisierung heisst dieser Vorgang in der Fachliteratur. Und das ist das Gewaltvolle der von Foucault beschriebenen und als gouvernementalen Machtstrategie bezeichneten Umkehrung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">In wessen Interesse liegt das?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Neoliberalismus als Wirtschaftsform ist der ideale N\u00e4hrboden f\u00fcr die gouvernementale Machtstrategie. Und er kennt Gewinner und Verlierer \u2013 oder mindestens Privilegierte und Subalterne. Foucault will allerdings erstmal \u2013 wie gesagt \u2013 nicht klar nach unten und oben sortieren. F\u00fcr ihn gewinnt die gouvernementale Machtstrategie vielmehr zus\u00e4tzliche Raffinesse, weil sie uns alle als Agenten der Macht erscheinen l\u00e4sst. Das Individuum ist nicht mehr einfach Disziplinarobjekt, das \u00fcberwacht und bestraft wird. Foucault erkennt in der gouvernementalen Machtstrategie eine diskursive Praxis: Wir geben Aufforderungen und Anrufungen weiter, spielen mit und schreiben uns allt\u00e4glich ein in die gouvernementale Machtmaschinerie. Wir sind Teil dieser Macht; sie steht uns nicht gegen\u00fcber \u2013 auch wenn es offensichtlich unterschiedliche Positionierung in dieser Maschinerie gibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Und wenn man sich einfach weigert mitzumachen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verweigerung gegen\u00fcber diesem Diskurs, so k\u00f6nnte man mit der amerikanischen Philosophin Judith Butler sagen, birgt die Gefahr, den Subjektstatus einzub\u00fcssen. Oder umgekehrt formuliert: Wer sich nicht jederzeit als f\u00e4higes, dynamisches, flexibles, intelligibles (d.h. sichtbares und anerkanntes) Subjekt entwirft \u2013 was eigentlich der Auftrag der Technologien des Selbst ist \u2013 entfernt sich gewissermassen selbst aus der gesellschaftlichen Sichtbarkeit und Anerkennung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Foucault hat sein Konzept Ende der 1970er Jahre entwickelt. Warum ist diese Theorie heute noch immer aktuell?<\/p>\n\n\n\n<p>Vermutlich liegt ein wesentlicher Grund daf\u00fcr, warum Foucaults Machtanalysen bis heute eine ungebrochene Aufmerksamkeit erfahren, genau darin, dass er \u2013 \u00fcbrigens erst in seinem Sp\u00e4twerk und kurz vor seinem fr\u00fchen Tod 1984 \u2013 eine gesellschaftliche Entwicklung antizipierte, die sich in den vergangenen vier Jahrzehnten erst voll entfaltet hat. In der zunehmenden Fragmentierung der Gesellschaft in Filterblasen, der Disruption relativ einstimmiger gesellschaftlicher Kr\u00e4fte, der Individualisierung und den damit verbundenen Ent-Solidarisierungsprozessen, den daraus hervorgehenden neuen sozialen Spaltungen sowie einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung werden die Folgen dieser Entwicklungen auch f\u00fcr uns heute lesbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Es gibt indes Gesellschaftsentw\u00fcrfe, die eine L\u00f6sung aus diesem Dilemma vorschlagen. An Utopien mangelt es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl er stark von Marx beeinflusst war und auch die kritische Theorie der Frankfurter Schule wahrgenommen hat, bekundete Foucault als poststrukturalistisch informierter Denker eine Schwierigkeit mit dem Begriff der Utopie. Foucault versteht es als unsere Aufgabe, Kritik zu \u00fcben, kritisch zu sein. Mit der Kritik soll nun aber nicht der Schleier des falschen Lebens gel\u00fcftet werden, um das Wahre und Unverf\u00e4lschte dahinter wieder freizulegen. Historisch betrachtet, ist beim Versuch, eine diverse, bunte, chancengerechte Welt zu ertr\u00e4umen, in der es keine Unterdr\u00fcckung, keine Diskriminierung, keine Privilegien mehr geben w\u00fcrde, entschieden zu wenig bewegt worden. Wir schaffen vielmehr immer neue Verwerfungen, Ungerechtigkeits- und Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse. F\u00fcr Foucault f\u00fchrt folglich jeder Versuch, eine sch\u00f6ne, heile, machtfreie Welt zu entwerfen, zu nur noch raffinierteren Strategien der Macht und neuen Machtverh\u00e4ltnissen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>F\u00fcr den Diskursanalytiker Foucault gibt es kein Jenseits des Diskurses, nur ein machtvoll erstelltes Netz von R\u00e4umen und Strukturen ohne doppelten Boden.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Foucault stellt den Utopisten das Konzept der Heterotopie entgegen. Was ist darunter zu verstehen?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Diskursanalytiker Foucault gibt es kein Jenseits des Diskurses, nur ein machtvoll erstelltes Netz von R\u00e4umen und Strukturen ohne doppelten Boden. Diskursanalytisch kann man nichts wegr\u00e4umen, um das Dahinter, das \u00abeigentlich Gute\u00bb sichtbar zu machen; man befindet sich immer in Verh\u00e4ltnissen und Ordnungen. Insofern versagt auch der Begriff der Utopie als eben jenes Wahre, Urspr\u00fcngliche und unverf\u00e4lschte Sch\u00f6ne.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff der Heterotopie scheint viel besser geeignet, die Potenziale kritischer Eins\u00e4tze zu akzentuieren: Die Kritik hat, heterotopisch gedacht, zwei Funktionen: Sie soll helfen, die gesamte Realit\u00e4t als Illusion zu entlarven, und sie soll die geschaffenen Ordnungen in Frage stellen. Dadurch k\u00f6nnen Nahtstellen freigelegt werden, an denen sich die Br\u00fcche, Widerspr\u00fcche und Kontingenzen einer \u00abvern\u00e4hten\u00bb Wirklichkeit auftun.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Foucault gibt uns zudem eine Art Bedienungsanleitung, um den heterotopischen Blick zu \u00fcben. Er empfiehlt, in einen Spiegel zu schauen. Was sieht man darin?<\/p>\n\n\n\n<p>Im Spiegel lassen sich inspirierende Mischerfahrungen von Wirklichkeit und Unwirklichkeit machen. Die Spiegelung ist ein Ort ohne Ort. Im Spiegel sehe ich mich zum einen dort, wo ich gar nicht bin, d.h. im gespiegelten Raum. Zugleich platziert mich der Spiegel an exakt jenem Ort, den ich in Wirklichkeit einnehmen kann. Wenn wir von den Imaginationen sprechen, die der Spiegel erm\u00f6glicht, dann geht es nicht prim\u00e4r um eine Bildermaschine, die neue Bilderwelten schafft, sondern mehr um eine Bildermeditation, eine Analyse, die das Erschaffen mit dem Zerst\u00f6ren der Bilder kombiniert. Die heterotopische Imagination ist westlich dekonstruktiv \u2013 sie will die genormte Norm, die in der Regel reibungslos funktionierende, ausgrenzende Wirklichkeit de-konstruieren, um m\u00f6gliche Re-Konstruktionen denkbar werden zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Und damit kann man den immerzu wirksamen Machtverh\u00e4ltnissen ein Schnippchen schlagen?<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ja, in jedem Fall k\u00f6nnen wir uns \u00fcber einen heterotopischen Blick die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnen, die Strukturiertheit unserer Umgebung zu erkennen. Wir sehen die uns zugewiesenen Pl\u00e4tze und Aufgaben. Wir erfassen bereitgestellte (Selbst-)Technologien, die gleichermassen zur Versch\u00e4rfung gesellschaftlicher Ungleichheiten f\u00fchren, wie sie diskriminieren und unsere Vorstellungen von gutem und richtigem Leben bestimmen oder uns irritieren, die uns in jedem Fall in jedem erdenklichen Lebensbereich betreffen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>F\u00fcr uns in der Erwachsenen- und Weiterbildung ist es schon interessant, die Optimierungslogik zu unterbrechen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Wenden wir das nun auf die Weiterbildung bzw. die Weiterbildungskultur an. Was sehen wir?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr uns in der Erwachsenen- und Weiterbildung ist es schon interessant, die Optimierungslogik zu unterbrechen. Wir k\u00f6nnen die Normorientierungen in Anerkennungsverfahren, Evaluationen und Qualit\u00e4tsmanagementprozessen hinterfragen und uns als Disziplin und Profession einschieben zwischen die an unseren Teilnehmenden adressierten Anforderungen zur Selbstoptimierung und Selbstregierung, Responsibilisierung und Verwertbarkeit. So leisten wir eine notwendige Aufkl\u00e4rung \u00fcber diese Verstrickungen: Aus machtkritischer Perspektive ist die Weiterbildung eben nicht lediglich unschuldig in die Vermittlung von Wissen oder die Beratung von Kompetenzentwicklungsprozessen involviert. Im Gegenteil: Die Weiterbildung ist als organisierender Prozess eine Tatsache und als kulturelle Praxis in die machtvollen Prozesse der Subjektivierung involviert, mit denen allt\u00e4gliche Lebensf\u00fchrungsweisen geplant, erprobt und einge\u00fcbt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Als Foucault seine Theorie der Heterotopie entwarf, war die Digitalisierung noch kein Thema. Heute leben wir im Zeitalter der Digitalit\u00e4t. Hat sich dadurch die Aufgabe der Bildungsarbeit mit Erwachsenen, wie Sie sie beschreiben, ver\u00e4ndert?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich meine nein. Was sich in einer zunehmend digitalisierten Kultur \u00fcber die komplexen Verstrickungen zwischen Menschen, digitaler Technik und Gesellschaft ver\u00e4ndern wird, sind unsere Selbst- und Weltverh\u00e4ltnisse sowie unser Verh\u00e4ltnis zu Anderen. So l\u00e4sst sich beobachten, dass Algorithmen, die uns Kaufvorschl\u00e4ge aufgrund unseres bisherigen Verhaltens machen, einen Teil unserer Selbstbestimmung aus unserem Leben herausrechnet. Das Problem liegt genau hier: die den Algorithmen zugrunde liegende Logik ist uns nicht transparent. Filterblasen wiederum, die entstehen, weil soziale Netzwerke uns nur noch ganz bestimmte, vorselektionierte Nachrichten zukommen lassen, pr\u00e4gen unsere Vorstellung von und \u00fcber die Welt \u2013 und die Weiterentwicklung demokratischer Gesellschaften. F\u00fcr meine Begriffe findet die Weiterbildung nun genau hier ihren gesellschaftlich relevanten Ort: an der Stelle, an der es nicht nur um Techniktrainings oder eine fragw\u00fcrdige Anpassungsqualifizierung an \u00e4ussere Bedingungen geht, sondern um Bildung in einer digital gepr\u00e4gten Kultur. Wie kann Weiterbildung die Menschen f\u00fcr diese neuen Problemzusammenh\u00e4nge sensibilisieren? Wie gelingt es, Weiterbildung als Ort zu gestalten, an dem diese offenen Fragen um die Folgen der Digitalisierung und ihre ganz praktischen Alltagskonsequenzen reflexiv werden k\u00f6nnen. Das vorhandene Wissen \u00fcber die Kontexte, Zusammenh\u00e4nge und Effekte aktueller gesellschaftlicher Megathemen kollektiv verhandelbar zu machen, ist meines Erachtens eine zentrale Aufgabe von Weiterbildung in demokratischen Gesellschaften.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">W\u00fcrde dadurch die \u00absch\u00f6ne neue Weiterbildungskultur\u00bb tats\u00e4chlich sch\u00f6n werden?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr meine Begriffe \u2013 das wurde und wird z.B. in der Corona-Krise deutlich \u2013 m\u00fcsste die Erwachsenenbildung und Weiterbildung mit ihrem Aufkl\u00e4rungs- und Problematisierungspotenzial als entschieden systemrelevanter Faktor wahrgenommen werden. In Zeiten der Pandemiebek\u00e4mpfung ist ja vielerorts ein grosser Wissens- und Aufkl\u00e4rungsbedarf deutlich geworden, der in bester erwachsenenp\u00e4dagogischer Tradition \u00fcber massive Aufkl\u00e4rungsarbeit an verschiedenen Orten, in verschiedenen Konstellationen, alleine, in Gespr\u00e4chen oder Diskussionen bearbeitet werden konnte. \u00abVolks\u00bb-Aufkl\u00e4rung ist aber nicht nur eine zentral wichtige Komponente der Pandemiebek\u00e4mpfung, sondern auch eine zentrale Herausforderung f\u00fcr die Weiterentwicklung der von unterschiedlichen Seiten bedr\u00e4ngten westlichen Demokratien. Weiterbildung ist aus dieser Perspektive eben gerade keine Privatangelegenheit, sondern eine \u00f6ffentliche Aufgabe. Oder in Anlehnung an den tschechischen Theologen, Philosophen und P\u00e4dagogen Johan Amos Comenius k\u00f6nnte man sagen: Sie ist eine \u00f6ffentliche Aufgabe im Sinne der Verbesserungen der menschlichen Angelegenheiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Ist das realistisch in einer \u00abWeiterbildungsrealit\u00e4t\u00bb, die sich ganz und gar dem Markt verschreibt?<\/p>\n\n\n\n<p>Krisen bieten nicht nur aus bildungstheoretischer Perspektive bekanntlich immer auch Chancen. Vielleicht wird es zuk\u00fcnftig m\u00f6glich, vor jeder Abstimmung in der Schweiz demokratische Botschaften weniger wie Werbeartikel zu platzieren, sondern durch gut ressourcierte und medial unterst\u00fctzte Weiterbildungsaktivit\u00e4ten differenziertes Wissen zu generieren und komplexe Entscheidungsprozesse \u00f6ffentlich zu verhandeln. \u00abMeinungs\u00bb-Bildung in diesem Sinne kann und darf allerdings nicht das Gesch\u00e4ft einiger weniger bleiben. Wir versuchen deshalb mit einem Projekt mit dem Titel \u00abBlind Dates\u00bb eine Zusammenf\u00fchrung von Wissensvermittlung, Mediennutzung und Community Learning. Grundlage der \u00abBlind Dates\u00bb sind wissenschaftsbasierte Podcasts zu aktuellen Themen. Bei den \u00abBlind Dates\u00bb treffen sich zwei oder mehrere Personen mit ganz unterschiedlichen Hintergr\u00fcnden. Sie kennen sich nicht und werden einander von einem Algorithmus zugeteilt. Sie sprechen \u00fcber ein aktuelles politisches Thema, wobei sie das aus den Podcasts gesammelte Wissen nutzen. So werden Prozesse der Meinungsbildung reflektiert und transparent. Die Diskussion wird wiederum als Podcast zur Verf\u00fcgung gestellt, womit die Lernerfahrung der Diskutanten selbst Thema wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Und wie lautet nun Ihre Prognose zur Zukunft der Erwachsenenbildung?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich halte es denn nicht nur f\u00fcr ausgesprochen wichtig, die zivilgesellschaftliche Verankerung, gesellschaftspolitische Bedeutsamkeit und die bemerkenswerte Innovationskraft der Erwachsenen- und Weiterbildung in Erinnerung zu rufen. Ich denke, dies kann durchaus auch Fr\u00fcchte tragen.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/s2f.kytta.dev\/?text=Die%20vermeintliche%20Freiheit%20und%20der%20Zwang%20zur%20Selbst%C2%ADoptimierung https%3A%2F%2Fwww.thinktank-transit.ch%2Fdie-vermeintliche-freiheit-und-der-zwang-zur-selbstoptimierung%2F\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\"><\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/s2f.kytta.dev\/?text=Die%20vermeintliche%20Freiheit%20und%20der%20Zwang%20zur%20Selbst%C2%ADoptimierung https%3A%2F%2Fwww.thinktank-transit.ch%2Fdie-vermeintliche-freiheit-und-der-zwang-zur-selbstoptimierung%2F\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\"><\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>About Ulla Klingovsky Ulla Klingovsky leitet die Professur f\u00fcr Erwachsenenbildung und Weiterbildung am Institut Weiterbildung und Beratung der P\u00e4dagogischen Hochschule, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":26,"featured_media":2556,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"dialogue-category":[],"dialogue-tag":[69],"class_list":["post-1309","dialogue","type-dialogue","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","dialogue-tag-ulla-klingovsky-de"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.3 - 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