{"id":3006,"date":"2024-08-19T14:49:26","date_gmt":"2024-08-19T12:49:26","guid":{"rendered":"https:\/\/thinktank-transit.ch\/?post_type=dialogue&#038;p=3006"},"modified":"2024-08-19T14:49:28","modified_gmt":"2024-08-19T12:49:28","slug":"wozu-es-stoerenfriede-braucht","status":"publish","type":"dialogue","link":"https:\/\/thinktank-transit.ch\/de\/dialogue\/wozu-es-stoerenfriede-braucht\/","title":{"rendered":"Wozu es St\u00f6renfriede braucht"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group has-cyan-bluish-gray-background-color has-background is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber Dieter Thom\u00e4<\/h2>\n\n\n\n<p>Prof. Dr. Dieter Thom\u00e4 ist Philosoph und war von 2000 bis 2023 ordentlicher Professor an der Universit\u00e4t St. Gallen<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-style-reduced-width is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<div class=\"wp-block-group is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<div class=\"wp-block-group is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<div class=\"wp-block-group is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"is-style-lead\">Eigentlich haben wir ja heute eine ganze Menge Krisen \u2013 Klimakrise, Streiks, Migrationskrisen, Hausbesetzungen und vieles mehr \u2013 warum pl\u00e4dieren Sie f\u00fcr noch mehr St\u00f6rungen?<\/p>\n\n\n\n<p>In Zeiten voller Hektik und Hiobsbotschaften gibt es eine grosse Sehnsucht nach Ruhe. Insofern spricht vieles dagegen, die St\u00f6rung f\u00fcr w\u00fcnschenswert zu halten. Auch das Wort \u00abSt\u00f6renfried\u00bb, das mir so kostbar ist, scheint auf den ersten Blick einen negativen Beigeschmack zu haben. Schliesslich besagt dieses Wort, dass da jemand ist, der den Frieden st\u00f6rt. Wie soll also bei der Bewertung des St\u00f6renfrieds etwas anderes herauskommen als ein negatives Urteil?<\/p>\n\n\n\n<p>Also ja, Sie haben recht: Mein Interesse an St\u00f6renfrieden steht unter einem gewissen Legitimationsdruck. Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass wir gerade in unruhigen Zeiten versuchen m\u00fcssen, nicht nur verzweifelt zu strampeln, sondern die weite Perspektive im Auge zu behalten. Wenn man sein Weitwinkelobjektiv aufzieht und \u00fcber die Befangenheit in der Gegenwart hinausblickt, erkennt man, dass die Geschichte nicht ein einziger Kn\u00e4uel von Ausweglosigkeiten ist, sondern vielmehr aus Wellenbewegungen und wechselnden Stimmungen besteht. Das heisst auch: Das Bed\u00fcrfnis nach Ruhe, das durch die Anh\u00e4ufung von Krisen ausgel\u00f6st wird, hat ein Gegenst\u00fcck, n\u00e4mlich das Bed\u00fcrfnis nach Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke da gern an Friedrich H\u00f6lderlin, der einmal gedichtet hat: \u00abFast will mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit\u00bb und dem anf\u00fcgt: \u00abDennoch gelinget der Wunsch\u00bb<sup>1<\/sup>. Es gibt manchmal Zeiten der Erstarrung, in denen der Wunsch nach Ver\u00e4nderung hochkommt. Das bringt mich zur\u00fcck zum St\u00f6renfried: Bewegung bedeutet immer auch, dass etwas durcheinanderger\u00e4t, dass sich Perspektiven verschieben. Bewegung ist eng mit der St\u00f6rung verbunden. Die negative Bedeutung des St\u00f6renfrieds, von der ich vorhin gesprochen habe, muss also um eine positive Bedeutung erg\u00e4nzt werden. Ersichtlich wird dies, wenn man bedenkt, dass es auch den falschen oder faulen Frieden gibt. Jemand, der diesen falschen Frieden st\u00f6rt, wirkt doch sympathischer, als es auf den ersten Blick scheinen mag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Sie unterscheiden zwischen St\u00f6rungen mit produktiven und solchen mit destruktiven Folgen. Mit der Figur des puer robustus thematisieren Sie beide Aspekte. K\u00f6nnen Sie kurz skizzieren, wer der puer robustus eigentlich ist? \u2013 Die Figur ist ja kein theoretisches Konstrukt, sondern aus der Geschichte hergeleitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Anfang meiner \u00dcberlegungen stand die Entdeckung, dass die Figur des puer robustus in enorm vielen Texten der wichtigsten politischen Denker der letzten Jahrhunderte auftaucht, heute aber vergessen und begraben schien. Das war eine merkw\u00fcrdige Diskrepanz. Meine Absicht ist es nun, diese Figur wieder in Erinnerung zu rufen, wobei es mir nicht darum geht, das Museum der seltsamen Figuren der Vergangenheit zu vervollst\u00e4ndigen. Interessant ist der puer robustus, weil die Menschen im Lauf der Jahrhunderte alle Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Formen von Ordnung und St\u00f6rung an dieser Figur durchdekliniert haben. Angefangen hat die Geschichte dieser Figur beim englischen Philosophen Thomas Hobbes, der ein grosser Fanatiker der Ordnung und ein grosser Feind der St\u00f6rung war. F\u00fcr ihn war der puer robustus \u2013 der \u00absturdy boy\u00bb oder, auf Deutsch, der kr\u00e4ftige Knabe \u2013 die ultimativ b\u00f6se Figur. Warum? Weil beim puer robustus zwei Dinge zusammenkamen: die Kindlichkeit, die f\u00fcr Hobbes gleichbedeutend war mit fehlender Vernunft, also mit Dummheit, und die K\u00f6rperkraft, das Robuste. Ihm schwebte so etwas wie ein grosses Kind vor, das wild um sich schl\u00e4gt und einfach nicht einsichtig ist. Insofern beginnt die Geschichte des puer robustus damit, dass jemand eine Figur erfindet, die er am liebsten gleich wieder begraben und aus der Wirklichkeit verbannen m\u00f6chte. Thomas Hobbes w\u00fcnschte sich lauter Leute, die die Gesetze beachten und sich dem grossen Souver\u00e4n, dem Leviathan, unterwerfen. Nun ist ihm zwar die Erfindung des puer robustus gelungen, aber nicht dessen Begr\u00e4bnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn sp\u00e4tere Denker \u2013 Denis Diderot, Jean-Jacques Rousseau, Alexis de Tocqueville, Victor Hugo, Karl Marx, Sigmund Freud und viele andere \u2013 haben die Figur des puer robustus aufgegriffen und sehr unterschiedlich interpretiert, wobei das Kindliche und das Kr\u00e4ftige nicht immer negativ verstanden wurden. So verstand z.B. Rousseau das Kindliche als Unverdorbenheit und die St\u00e4rke als eine Kraft, die man braucht, um die Welt ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen. Karl Marx sieht seinerseits den Proletarier als puer robustus. Insgesamt l\u00e4sst sich an dieser Figur zeigen, wie wir in den letzten ungef\u00e4hr 500 Jahren um das Verh\u00e4ltnis zwischen Ordnung und St\u00f6rung in der Gesellschaft gerungen haben. Wenn man Bilanz zieht, stellt man fest, dass es falsch w\u00e4re, sich nur auf eine Seite zu schlagen. Tats\u00e4chlich ist es so, dass jede gesellschaftliche Ver\u00e4nderung in Bewegungen erfolgt, die durch St\u00f6rung und Wiederherstellung von Ordnung gekennzeichnet sind. Es wurde sogar gesagt, die Demokratie sei die zur Ordnung gewordene St\u00f6rung \u2013 oder die Ordnung, die die St\u00f6rung pflegt, um nicht zu erstarren. Es kann sich lohnen, in die Vergangenheit zur\u00fcckzublicken, weil wir damit den Werkzeugkasten f\u00fcr die Zukunft best\u00fccken k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">In Ihrem Buch unterscheiden Sie vier Typen von St\u00f6renfrieden: den egozentrischen, den exzentrischen, den nomozentrischen und den massiven St\u00f6renfried. Diese sind von unterschiedlichen Zielen und Motivationen getrieben. Kann man ihr gemeinsames Merkmal darin sehen, dass sie von aussen, also von den R\u00e4ndern her versuchen, eine etablierte Ordnung zu st\u00f6ren oder zu ver\u00e4ndern?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ein St\u00f6renfried ist jemand, der am Rande steht. Der sich nicht im Mainstream befindet, sondern sich eher am Ufer oder im Seitenarm bewegt. Die grosse Frage, die sich f\u00fcr den St\u00f6renfried stellt, lautet: Wie verh\u00e4lt er sich zum Zentrum, zur etablierten Ordnung, mit der er sich auseinandersetzt? Die Randposition wird vom Zentrum der Ordnung her immer misstrauisch be\u00e4ugt. Die Pointe ist nun aber, dass die Ordnung an einer Selbstt\u00e4uschung leidet, wenn sie meint, alle w\u00fcrden sich immer schon im Mainstream befinden. Eine Ordnung ist kein erstarrtes Ger\u00fcst, sondern etwas, das gelebt werden muss. Und gelebt wird sie von Menschen, die sich normalerweise an die Gesetze halten. Diese Menschen sind aber gewissermassen wechselndes Personal. Man darf nicht vergessen, dass es im Laufe der Geschichte permanent zu einem Wechsel der Generationen kommt. Die Menschen wachsen immer wieder neu durch Sozialisationsprozesse in diese Gesellschaft hinein \u2013 oder fallen aus ihr wieder heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Randposition ist also nichts Ungew\u00f6hnliches. Im Grunde tritt jeder Mensch, der geboren wird, erst einmal vom Rande her in diese Welt. Er muss alles kennenlernen, er tut alles zum ersten Mal. Da es in der Gesellschaft diese Art von permanenter Erneuerung gibt, ist auch die Randposition des St\u00f6renfrieds nicht ungew\u00f6hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin \u00fcbrigens nicht der Meinung, dass man den St\u00f6renfried glorifizieren sollte. Es gibt schreckliche Beispiele f\u00fcr den St\u00f6renfried: Querulanten, Verbrecher, Terroristen \u2013 die ich in meiner Typologie als massive St\u00f6renfriede bezeichne. Daf\u00fcr ist der Ausdruck St\u00f6renfried viel zu harmlos, aber sie st\u00f6ren eben auch. Auf der anderen Seite gibt es aber auch sympathische Vertreter dieser besonderen Spezies. Die entscheidende Frage ist, wie sich das Verh\u00e4ltnis zwischen diesen Randfiguren und der Ordnung bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">K\u00f6nnen Sie das an einem Beispiel zeigen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein negatives Beispiel f\u00fcr den St\u00f6renfried ist der sogenannte Trittbrettfahrer, also einer, der sich von aussen ans Tram h\u00e4ngt, um kostenlos mitzufahren. Der nutzt die M\u00f6glichkeiten, die ihm der Verkehr einer Stadt bietet, und schmarotzt. Der Trittbrettfahrer verh\u00e4lt sich zur Ordnung so, dass er f\u00fcr sich einen pers\u00f6nlichen Vorteil herausschlagen will, ohne selbst einen Beitrag daf\u00fcr zu leisten. Die Folgen dieses individuellen Verhaltens sind in den Sozialwissenschaften vielfach untersucht worden, bspw. in Bezug auf die Loyalit\u00e4t und Solidarit\u00e4t im Rest der Gesellschaft: Der Trittbrettfahrer hat eine erodierende Wirkung auf das, was man in der Soziologie oder \u00d6konomie Sozialkapital nennt. Er untergr\u00e4bt den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Dieser Typ, der nach meiner Klassifikation ein egozentrischer St\u00f6renfried w\u00e4re, denkt nur an sein Eigeninteresse. Er k\u00fcmmert sich nicht darum, wie die Ordnung ver\u00e4ndert werden soll, sondern will sie nur ausnutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Davon zu unterscheiden ist der St\u00f6renfried, der sich offensiv auf die Gesellschaft bezieht, indem er die geltenden Regeln ver\u00e4ndern will. Der w\u00fcrde nicht umsonst Tram fahren wollen, sondern sich bspw. fragen, wie viel das Abo kosten soll, wohin das Tram f\u00e4hrt oder womit der Strom hergestellt wird, der das Tram betreibt. Dieser Typus, den ich als nomozentrischen St\u00f6renfried bezeichne, hat eine genaue Vision davon, wie die Regeln anders eingerichtet werden sollten. Der will sich nicht an die geltenden Regeln halten, ist aber durchaus bereit, sich an k\u00fcnftige Regeln zu halten, die in seinem Sinne sind. Das sind jetzt nat\u00fcrlich harmlose Beispiele, es gibt wesentlich dramatischere gesellschaftliche Herausforderungen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens hat die Schweiz dank Friedrich Schiller einen exzellenten Vertreter des Typus des nomozentrischen St\u00f6renfrieds, n\u00e4mlich Wilhelm Tell.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Tell als einer, der vom Rande kam und schliesslich als Nationalheld im Zentrum angekommen ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das kann man so sagen. Das Interessante an Wilhelm Tell ist, dass er zuerst zum Einzelg\u00e4nger und zur Randfigur wird. Seine Freunde bitten ihn, bei den Bem\u00fchungen um das Absch\u00fctteln der fremden Macht mitzuhelfen, aber er will nicht. Wilhelm Tell ist zufrieden als Einzelg\u00e4nger, was Schiller in der ber\u00fchmten Zeile ausdr\u00fcckt: \u00abDer Starke ist am m\u00e4chtigsten allein\u00bb. Seine Einzelg\u00e4nger- oder Randposition erlaubt ihm auch, besonders r\u00fccksichtslos vorzugehen. Schliesslich kommt er aber doch nicht alleine durch, er braucht seine Freunde. Anders als andere politische F\u00fchrer w\u00fcrde Wilhelm Tell nie auf den Gedanken kommen, die kaiserliche Herrschaft abzuschaffen, um sich selbst zum Kaiser zu kr\u00f6nen. Zwar geht es auch bei Wilhelm Tell nicht ohne Gewalt. Entscheidend ist aber, dass er sich am Schluss wieder als einer unter Gleichen in die Ordnung einreiht. Das macht ihn zu einer demokratischen Figur. Dieses Sich-Zur\u00fccknehmen ist bei allen demokratischen St\u00f6renfrieden entscheidend, seien es nun Vertreter der amerikanischen B\u00fcrgerrechtsbewegung, Nelson Mandela oder wer auch immer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Die historische Analyse hat den Vorteil, dass man weiss, was draus geworden ist. Man kann die diversen St\u00f6rungen und ihre Folgen rekonstruieren. Aber wie sieht es bei den heutigen St\u00f6renfrieden aus? Sagen wir bei Figuren, die nicht die Dimension historischer Heldenfiguren haben, wie aktuell etwa im Kontext des Genderdiskurses der non-bin\u00e4re Autor Kim de l\u2019Horizon: Inwiefern haben solche kleinen St\u00f6renfriede das Potential, Denk- und Handlungsmuster zu verschieben?<\/p>\n\n\n\n<p>Da sprechen Sie ein ganz schwieriges Problem an, n\u00e4mlich die Frage der Bewertung von Prozessen, deren Zeitgenosse man ist. Wie soll man genau bewerten, was jemand gerade tut, solange man nicht weiss, wie die Sache ausgehen wird? Besonders dramatisch sind solche Bewertungsprobleme dann, wenn sehr viel auf dem Spiel steht und auch viel Porzellan zerschlagen wird. Wenn man etwa an die Russische Revolution denkt, kann man sich vorstellen, wie enorm schwierig oder unm\u00f6glich es w\u00e4re, als Zeitgenosse im Jahr 1917 zu einem historischen Urteil \u00fcber diese Revolution zu gelangen. Noch dramatischer ist es, wenn man \u00fcber das Wechselspiel zwischen kollektiven Bewegungen und einzelnen Figuren nachdenkt: Wer bewegt da wen? Werden einzelne Figuren zu einem Aush\u00e4ngeschild einzelner Bewegungen \u2013 und sind so in gewisser Weise austauschbar \u2013 oder konzentriert sich in ihnen ein Charisma, eine Vorbildfunktion, die nicht von anderen in gleicher Weise \u00fcbernommen werden kann?<\/p>\n\n\n\n<p>Hier stellen sich also zwei Fragen. Erstens eine philosophische, n\u00e4mlich die Frage nach der normativen Bewertung von Ver\u00e4nderungsprozessen. Und zweitens stellt sich die Frage nach dem Wechselspiel zwischen herausgehobenen Figuren und breiteren Bewegungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um auf die gegenw\u00e4rtige Diskussion und das Beispiel, das Sie angesprochen haben, zur\u00fcckzukommen: Es ist tats\u00e4chlich nicht einfach, sich zu orientieren. Im Fall der Genderdiskussion haben wir eine derart breit getragene Diskussion, in der so viele verschiedene Stimmen zusammenwirken, dass es nat\u00fcrlich \u00fcbertrieben w\u00e4re, einer Figur wie Kim de l\u2019Horizon eine Rolle zuzuschreiben, wie man sie \u2013 im nachhinein \u2013 etwa Martin Luther King in der amerikanischen B\u00fcrgerrechtsbewegung zuschreiben kann. Das heisst, auf diese Figur ist man nicht angewiesen, um eine bestimmte Diskussion zu f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht f\u00fchren solche Figuren aber gelegentlich zu Beschleunigungseffekten. Was die Bewertung der Verschiebungen in der Genderdiskussion betrifft, kann man sagen, dass heute eine gewisse \u00d6ffnung erfolgt, die darum ringt, gesellschaftlich mehrheitsf\u00e4hig zu werden. Ob sich in der Gesellschaft als Ganzes so etwas wie ein neuer Konsens bildet, ist sehr schwierig festzustellen. In Bezug auf die Genderdiskussion scheint mir dies noch l\u00e4ngst nicht erreicht zu sein. So ist es in bestimmten Zirkeln selbstverst\u00e4ndlich geworden zu wissen, was hinter der immer l\u00e4nger werdenden Liste der LGBTQAI-K\u00fcrzel steckt. F\u00fcr andere gesellschaftliche Kreise ist dieselbe Liste an K\u00fcrzeln aber nicht nur unbekannt oder unverst\u00e4ndlich, sondern teilweise auch abstossend \u2013 weil sie auf Insiderwissen beruht: Entweder du kennst das alles, oder du bist richtig altmodisch. Damit erweisen sich die Vertreter und Verfechter dieser Wortunget\u00fcme einen B\u00e4rendienst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Warum?<\/p>\n\n\n\n<p>Weil sie eine gesellschaftliche \u00d6ffnung herbeif\u00fchren wollen, dabei aber zugleich exkludierend wirken. Sie schliessen jene aus, die nicht an diesen Insiderdiskussionen \u2013 die ja auch an bestimmte kulturelle Kontexte gebunden sind \u2013 teilnehmen. An diesem Beispiel sieht man, wie schwierig es heutzutage geworden ist, in der Gesellschaft einen \u00fcbergreifenden Konsens zu erreichen. Dies hat damit zu tun, dass es zu einer Aufteilung der Gesellschaft gekommen ist \u2013 in der Schweiz weniger stark als bspw. in den USA, wo in solchen Fragen ein eigentlicher Kulturkampf tobt. Aber auch hier sind wir weit davon entfernt, beim Genderthema von einem neu errungenen gemeinsamen Selbstverst\u00e4ndnis sprechen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um nochmals auf die Frage des St\u00f6renfrieds oder der St\u00f6rung der Ordnung zur\u00fcckzukommen: Die klassische Gegen\u00fcberstellung, wonach es eine herrschende Ordnung sowie Kr\u00e4fte gibt, die diese Ordnung ver\u00e4ndern wollen, hat sich stark ver\u00e4ndert. Vielleicht gibt es diese eine Ordnung gar nicht mehr, sondern nur noch verschiedene Szenen, Sph\u00e4ren, Filterblasen, Echokammern, in denen sich Menschen bewegen. So gesehen, ist es gar nicht mehr so klar, in welche Diskurse eine Person, die etwas ver\u00e4ndern will, letztlich eingreift. M\u00f6glicherweise erzielt sie in einem dieser Zirkel eine Ver\u00e4nderung, wird aber in anderen Zirkeln ignoriert. Dies bedeutet, dass sich die St\u00f6rungs- und Ordnungsmuster in der Gesellschaft insofern ver\u00e4ndern, als es entweder zum Streit um Meinungsf\u00fchrerschaften kommt oder man sich wechselseitig ignoriert, bestimmte Gruppen also miteinander in Kontroversen geraten oder in Gleichg\u00fcltigkeit aneinander vorbeileben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Angenommen, die Gesellschaft ist noch nicht soweit segregiert, dass sie nur noch aus Filterblasen besteht: Woran merkt man, dass ein neues Denk- oder Handlungsmuster tats\u00e4chlich in der Gesellschaft angekommen ist und nicht nur in einzelnen Zirkeln?<\/p>\n\n\n\n<p>In manchen Bereichen gibt es klare Kriterien daf\u00fcr, ob etwas in der Gesellschaft insgesamt angekommen ist und akzeptiert wird. Einfach zu beantworten ist diese Frage dort, wo etwas der Verrechtlichung bedarf. Die Tatsache, dass man etwas regeln muss, es also nicht nur um kulturelle Stimmungen geht, ist ein Kriterium daf\u00fcr, dass ein Ph\u00e4nomen gesellschaftlich breit akzeptiert ist. Ein prominentes Beispiel in diesem Zusammenhang ist die Abtreibung. Um die Abtreibung wurde \u2013 und wird teilweise heute noch \u2013 in fast allen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern gerungen. Da sind enorme Konflikte im Spiel. In den USA wird diese ganze Diskussion jetzt sozusagen wieder um ein paar Jahrzehnte zur\u00fcckversetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Moment, wo es nach langwierigen Diskussionen zu einer gemeinsamen Position gekommen ist, die auch in Recht und Gesetz gegossen werden soll, bekommt die Regelung einen offiziellen Status, der nicht mehr so einfach vom Tisch gewischt werden kann. Trotzdem kann es nat\u00fcrlich weiterhin Gegner dieser Regelung geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den sogenannten weichen Themen sieht es anders aus, diese bed\u00fcrfen meist keiner rechtlichen Regelung. Man sollte aber nicht dem Irrtum verfallen, weiche Themen deswegen f\u00fcr weniger bedeutend zu halten. Themen, die sich der Verrechtlichung widersetzen, k\u00f6nnen eine enorme Rolle f\u00fcr die Lebensf\u00fchrung von uns allen haben. So kann bspw. die Breitenwirkung von Einstellungen und Lebensidealen, die von herausgehobenen Personen vorgelebt werden, betr\u00e4chtlich sein. Ein Beispiel daf\u00fcr ist Taylor Swift mit ihren Millionen von Anh\u00e4ngern. Auch die vorhin angesprochene Kim-de-l\u2019Horizon-Geschichte bewegt sich in diesem \u00abweichen\u00bb Bereich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Wir haben jetzt vor allem \u00fcber individuelle St\u00f6renfriede gesprochen. Wenn man an kollektive St\u00f6raktionen denkt, wie man sie bspw. von der Klimabewegung her kennt: Tragen diese tats\u00e4chlich zum Umdenken bei \u2013 oder gew\u00f6hnt sich die Gesellschaft einfach nur an die Proteste?<\/p>\n\n\n\n<p>Das wirft wieder die Frage auf, inwiefern man als Zeitgenosse Bewegungen beurteilen kann, die noch in Gang sind. Bei den Klimaprotesten ist dies besonders schwer einzusch\u00e4tzen. Letzten Endes findet ein Tauziehen statt: Die Klimaprotestler wollen die Gesellschaft zum Umdenken zwingen und ergreifen daf\u00fcr provokative Massnahmen. Ihr Wunsch ist letzten Endes aber, mehrheitsf\u00e4hig zu werden. Sie wollen ja nicht Randfiguren bleiben, die st\u00e4ndig \u00c4rger bekommen. Sie wollen zu Vorbildern werden und den Rest der Gesellschaft auf ihre Seite ziehen. Wenn sie sich nun aber an Strassen festkleben, passiert das Gegenteil: Die Gesellschaft reagiert entnervt und setzt m\u00f6glicherweise Drohgeb\u00e4rden und Kriminalisierungsstrategien ein, um die Leute wieder ruhigzustellen. Von einem Gew\u00f6hnungseffekt kann man da eher noch nicht sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Letztes Jahr gab es am Kultur- und Kongresszentrum KKL in Luzern einen Vorfall, bei dem Klimaprotestler die B\u00fchne st\u00fcrmten und grosse Teile des Publikums auf die St\u00f6rung genervt reagierten. Der Dirigent fand schliesslich einen Kompromiss und liess sie ihre Botschaft loswerden, worauf das Konzert fortgesetzt werden konnte. Solche Geschichten sind typische Schwellengeschichten: Die Klimaprotestler betreten die B\u00fchne, sie st\u00f6ren diese kulturelle Erfahrung und irritieren das Publikum, gleichzeitig sprechen sie ein Thema an, das diese Leute \u2013 wenn sie nicht gerade im Konzert sitzen w\u00fcrden \u2013 auch besch\u00e4ftigt. Sie reden also nicht komplett an den Leuten vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Generell muss man davon ausgehen, dass ein Umdenken nicht von selbst passiert und dass es daf\u00fcr provokativer Aktionen bedarf. Das ist bei jeder grossen gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung in den vergangenen Jahrhunderten so gewesen. Vielleicht muss man einfach damit experimentieren, welche Protestformen sich als besonders erfolgreich erweisen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Da wir uns mit TRANSIT an Bildungsfachleute richten, w\u00fcrde ich gern noch die Frage aufgreifen, welche Rolle Sie der Bildung im Zusammenhang mit St\u00f6renfrieden zuschreiben. Ist St\u00f6ren etwas, das man lernen und in Bildungskontexten f\u00f6rdern sollte?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Frage treibt mich selbst auch sehr um. Und tats\u00e4chlich hat der puer robustus eine Verbindung zur Bildung. Einer der Auftritte des puer robustus in der Geschichte ist Denis Diderot zu verdanken. In seinem Dialogroman \u00abRameaus Neffe\u00bb l\u00e4sst Diderot einen Kerl auftreten, der als kr\u00e4ftiger Knabe beschrieben wird. Von diesem Kerl, einem ziemlich verr\u00fcckten Musiker, wird gesagt, er sei so etwas wie ein St\u00fcckchen Hefe, das die Gesellschaft in Bewegung versetzt. Die Leistung, die dieser verr\u00fcckte Musiker erbringt, besteht nun eben darin, Leute zu irritieren, sie durch provokatives Verhalten herauszufordern und aus dem Trott zu bringen. Das ist zwar noch kein Bildungskonzept, diese Geschichte hat aber in einem n\u00e4chsten Schritt ihren Weg in die Bildungsdiskussion gefunden, und zwar durch einen anderen grossen Philosophen: Georg Wilhelm Friedrich Hegel l\u00e4sst in seiner \u00abPh\u00e4nomenologie des Geistes\u00bb Diderots verr\u00fcckten Musiker auftreten, und zwar in seinem Kapitel \u00fcber die Bildung.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum l\u00e4sst Hegel diesen schr\u00e4gen Kerl in seine \u00dcberlegungen \u00fcber die Bildung einfliessen? Die Antwort ist so einfach wie irritierend: Bei Hegel hat Bildung viel mit Entfremdung zu tun. Der Begriff der Entfremdung hat bei Hegel allerdings eine andere Bedeutung als wir sie z.B. von Marx und der Ausbeutung der Arbeiter her kennen. Entfremdung in Hegels Sinn steht f\u00fcr die Versuchung und die Bereitschaft, aus dem Vertrauten herauszugehen, sich einer Erfahrung auszusetzen, die man nicht kennt, in der man nicht zuhause ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Bildung im hegelschen Sinn geh\u00f6rt also das Aus-sich-Heraustreten. Jemand, der in sich \u00abverhaust\u00bb w\u00e4re, sich also in seinem H\u00e4uschen verrammelt und da partout nicht raus will, wird aus Hegels Sicht nicht gebildet sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">In welchem Sinn ist denn die Erfahrung von Fremdheit eine Voraussetzung f\u00fcr Bildung?<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht zun\u00e4chst darum, sich Erfahrungen auszusetzen, die einem selbst fremd sind. Dann muss man aber auch bereit sein, sich diese Erfahrung zu eigen zu machen, das Fremde also zum Eigenen werden zu lassen \u2013 ohne es zu vereinnahmen. In einem so verstandenen Bildungsprozess wird man selbst ein Anderer. Darin besteht denn auch das Ziel, das Hegel mit seinem Bildungskonzept verfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese kleine Geschichte sagt viel sowohl \u00fcber Bildung als auch \u00fcber Ordnung und St\u00f6rung aus. Bildung sollte nicht so eng verstanden werden, dass man sich eine bestimmte Menge von Wissen aneignet. Denn in erster Linie geht es in der Bildung nicht um die Gegenst\u00e4nde des Wissens, sondern vielmehr um die Frage, wie \u00fcberhaupt die Aneignung von Erfahrung erfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Wenn man umfassend \u00fcber Bildung nachdenken will, muss man also eher \u00fcber Prozesse nachdenken als \u00fcber Inhalte?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das w\u00fcrde ich so sehen. Wenn man in diese Welt hineinw\u00e4chst, die einem erst einmal fremd ist, muss man sich mit ihr vertraut machen. Diese Erfahrung macht jedes Kind, und oft reagiert es auf diese Fremdheit mit Angst, weil es sich nicht auskennt. Nun ist aber dieses Sich-nicht-Auskennen eigentlich der Ausgangspunkt, von dem aus sich zwei verschiedene Wege \u00f6ffnen: Man zieht sich zur\u00fcck und versucht sich abzugrenzen, oder man erh\u00e4lt sich seine Neugier und wagt es, sich mit dem Unbekannten vertraut zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ludwig Wittgenstein sagte, der Ausgangspunkt seines Denkens sei die Erfahrung des \u00abIch kenne mich nicht aus\u00bb. Dieses Sich-nicht-Auskennen ist auch der Ausgangspunkt von Bildungsprozessen. Wenn man den ersten Schritt tut und \u2013 nochmals mit Hegel gesprochen \u2013 den Mut zur Entfremdung aufbringt, wird die Welt erfahrbar und durchl\u00e4ssig.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich abwendet und auf den Standpunkt stellt \u00abDamit will ich nichts zu tun haben\u00bb, baut eine Grenze auf, die er nicht bereit ist zu \u00fcberschreiten. Wer hingegen dieses \u00abIch kenne mich nicht aus\u00bb annimmt und den Schritt ins Unbekannte wagt, zieht nicht eine Grenze, sondern macht eher die Erfahrung des \u00dcbertritts \u00fcber eine Schwelle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Ist eine Schwelle letztlich nicht auch eine Grenze?<\/p>\n\n\n\n<p>Schwellen unterscheiden sich von Grenzen dadurch, dass man sie nicht nur \u00fcberschreiten, sondern sich auf ihnen auch aufhalten kann. Wie bei einem T\u00fcrrahmen, wo man auf der Schwelle stehen und sich erst einmal an den Ausblick gew\u00f6hnen kann, bevor man vielleicht den Schritt auf die andere Seite tut. Eine Grenze ist faktisch ausdehnungslos: Man ist entweder auf der einen oder auf der anderen Seite.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Die Offenheit f\u00fcr das Unbekannte und Ungewisse, die Sie als Bedingung f\u00fcr Bildungsprozesse sehen, ist auch eine Eigenschaft des exzentrischen St\u00f6renfrieds, der Ihnen ja unter den St\u00f6renfrieden der liebste ist. Ist dieser Typus des St\u00f6renfrieds besonders bildungsaffin?<\/p>\n\n\n\n<p>Die exemplarische Figur eines exzentrischen St\u00f6renfrieds ist f\u00fcr mich Diderots verr\u00fcckter Musiker. Das Besondere an diesem Typus ist, dass er nicht gleich mit einer grossen Vision f\u00fcr die ganze Gesellschaft daherkommt. Er ist eher ein Unruheherd, der die Gesellschaft in Bewegung versetzt. Wohin diese Bewegung f\u00fchren wird, wissen die exzentrischen St\u00f6renfriede selbst nicht. Sie wissen nicht einmal, wohin ihr eigenes st\u00f6rungsfreudiges Leben f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der exzentrische St\u00f6renfried geht also davon aus, dass sich sein Leben ver\u00e4ndert, und dieses Verst\u00e4ndnis des Lebens als einer Reise entspricht tats\u00e4chlich in weiten Teilen dem Konzept von Bildung, wie man es in der klassischen und auch der modernen Bildungstheorie gefasst hat. In diesen Bildungskonzepten ging und geht es zwar auch darum, sich bestimmte Inhalte anzueignen, die Bildung selbst ist aber als Prozess mit offenem Ausgang gedacht. Das Wesen dieses Prozesses besteht darin, dass man die Welt auf sich einwirken l\u00e4sst und sich dabei selbst ver\u00e4ndert. Wie das Endresultat aussehen wird, l\u00e4sst sich nicht voraussehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Birgt die Betonung von Offenheit in der Bildung nicht auch die Gefahr der Orientierungslosigkeit?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, Offenheit wird tats\u00e4chlich oft mit Unschl\u00fcssigkeit oder Gleichg\u00fcltigkeit verbunden. Davor muss man die Offenheit sch\u00fctzen. Auch beim Bildungsprozess w\u00fcrde ich sagen: Ja, das Ende ist offen, aber diese Offenheit bedeutet nicht Beliebigkeit, denn der Bildungsprozess ist ja von einem grossen Ernst gepr\u00e4gt. Man muss sich auf die Welt einlassen, mit ungeheurer Sorgfalt versuchen herauszufinden, was sich da draussen eigentlich abspielt. Dazu geh\u00f6rt so etwas wie Hingabe, Vertiefung, dazu geh\u00f6ren viele Tugenden, die nicht mit einer oberfl\u00e4chlichen Nutzerperspektive vereinbar sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Um nochmals Hegel zu zitieren: Bei Hegel heisst es \u00abArbeit bildet\u00bb, womit zwei Dinge gemeint sind. Erstens, dass man sich durch den Arbeitsprozess selbst ver\u00e4ndert, indem man Erfahrungen macht und an den Aufgaben, die man bew\u00e4ltigt, w\u00e4chst. Zweitens meint der Ausdruck, dass die Arbeit die Welt ver\u00e4ndert; hier geht es um das Bilden im Sinn des Heranbildens und Umbildens. Vertiefung in die Welt geh\u00f6rt also zu den Bildungsprozessen dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Abgesehen davon, dass ich Philosoph bin, bin ich auch begeisterter Handwerker, und als Handwerker macht man permanent die Erfahrung, Aufgaben nur bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen, wenn man sich mit Hingabe den Materialien und ihren Besonderheiten \u00fcberl\u00e4sst. Dazu geh\u00f6rt eine ungeheure Bereitschaft zur Langsamkeit, zum Sammeln von Erfahrungen. Nur dann wird man am Ende etwas erreichen. Also ja: Der Prozess, in den wir da als Individuum oder als Gesellschaft hineingehen, sollte ein offenes Ende haben, aber diese Offenheit wird erst dann attraktiv, wenn sie mit der Bereitschaft verbunden ist, sich zu vertiefen.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse is-style-default\"><em>1) Aus der Elegie \u00abDer Gang aufs Land. An Landauer\u00bb von Friedrich H\u00f6lderlin<\/em><\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Zitierte Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Dieter Thom\u00e4 (2016): Puer robustus. Eine Philosophie des St\u00f6renfrieds. Suhrkamp<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bildung sollte nicht so eng verstanden werden, dass man sich eine bestimmte Menge von Wissen aneignet. 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