{"id":4197,"date":"2026-03-17T10:33:26","date_gmt":"2026-03-17T09:33:26","guid":{"rendered":"https:\/\/thinktank-transit.ch\/?post_type=dialogue&#038;p=4197"},"modified":"2026-03-17T10:33:29","modified_gmt":"2026-03-17T09:33:29","slug":"politische-bildung-fuer-eine-solidarische-lebensweise","status":"publish","type":"dialogue","link":"https:\/\/thinktank-transit.ch\/de\/dialogue\/politische-bildung-fuer-eine-solidarische-lebensweise\/","title":{"rendered":"Politische Bildung f\u00fcr eine solidarische Lebensweise"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group is-style-default has-cyan-bluish-gray-background-color has-background is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"is-style-lead\">\u00dcber Ulrich Brand<\/p>\n\n\n\n<p>Ulrich Brand ist Professor f\u00fcr internationale Politik an der Universit\u00e4t Wien. Seine Forschungsgebiete sind die Krise der liberalen Globalisierung, internationale Umwelt- und Ressourcenpolitik, sozial-\u00f6kologische Transformationsprozesse, Lateinamerika und die imperiale Lebensweise. Zusammen mit Markus Wissen, Professor f\u00fcr Gesellschaftswissenschaften an der Hochschule f\u00fcr Wirtschaft und Recht Berlin, hat er 2024 das Buch \u00abKapitalismus am Limit\u00bb geschrieben. Es folgte auf das Buch \u00abImperiale Lebensweise\u00bb derselben Autoren, das es auf die Bestsellerliste des Spiegels schaffte und inzwischen in 13 Sprachen \u00fcbersetzt wurde.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Ihr 2024 erschienenes Buch, das Sie zusammen mit dem Gesellschaftswissenschafter Markus Wissen verfasst haben, tr\u00e4gt den Titel \u201eKapitalismus am Limit\u201c. Sie meinten damit kaum die Wachstumskrise der westeurop\u00e4ischen L\u00e4nder, nehme ich an?<\/p>\n\n\n\n<p>Ulrich Brand: Die Klimakrise ist ein Game-Changer. Der moderne Kapitalismus muss sich darauf einstellen, dass die immer drastischer werdenden Wetterereignisse eine Stabilisierung erschweren. Die Kosten, die das Bew\u00e4ltigen und Beseitigen der Folgen dieser Ereignisse verursachen, werden immer h\u00f6her.<br>Bisher hat der Kapitalismus bzw. die ihn steuernden wirtschaftlichen und politischen Kr\u00e4fte sehr darauf basiert, dass die negativen Folgen stark externalisiert wurden, r\u00e4umlich in andere Regionen und zeitlich in die Zukunft. Durch die Konkurrenz der aufstrebenden L\u00e4nder, vor allem von China, aber auch von Indien und anderen, ist diese Selbstverst\u00e4ndlichkeit der alten Industriel\u00e4nder, r\u00e4umlich zu externalisieren, in Frage gestellt. Die Externalisierung findet zwar weiterhin statt. Aber sie wird st\u00e4rker umk\u00e4mpft.<\/p>\n\n\n\n<p>Schliesslich haben wir die Erfahrung gemacht, dass die dominanten Kr\u00e4fte in tiefen Krisen des Kapitalismus in der Lage waren, Erneuerungsprozesse anzustossen, oft durch heftige Ersch\u00fctterungen wie Faschismus und den Zweiten Weltkrieg. Solche Erneuerungen waren zum Beispiel der Aufschwung ab den 1950er Jahren oder die neoliberale Globalisierung ab den 1970er Jahren. Diese F\u00e4higkeit zur Restrukturierung ist nicht mehr sichtbar. Wir werden viel eher in einer Dauerkrise verharren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\"><br>Heisst das, wir sind an einem Kipppunkt angelangt?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit \u201eKapitalismus am Limit\u201c meinen wir nicht, dass es sozusagen einen Kipppunkt gibt, dass also der Kapitalismus zusammenbricht. Aber er wird autorit\u00e4rer, es wird umk\u00e4mpfter, wenn es etwa darum geht, wer wieviel CO<sub>2<\/sub> emittieren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir propagieren vielmehr einen Kollapsbegriff, wonach Versorgungssysteme wie Landwirtschaft oder Mobilit\u00e4tsinfrastrukturen durch Katastrophen wie D\u00fcrren oder Hochwasser zeitweise unterbrochen werden. Die Ressourcen, die aufgewendet werden m\u00fcssen, um diese Systeme wieder herzustellen, wachsen stetig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Im Zusammenhang mit der Externalisierung der Folgen des Kapitalismus benutzen Sie auch den Begriff der Imperialen Lebensweise. Was verstehen Sie darunter?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben 2009, 2010, also nicht zuf\u00e4llig in der Folge der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise, mit der Ausarbeitung des Begriffs begonnen. Mit der Imperialen Lebensweise wollen wir anzeigen, dass neben den Strategien von m\u00e4chtigen Akteuren wie Regierungen oder Konzernen die Expansion des Kapitalismus ganz stark damit zusammenh\u00e4ngt, dass sie im Alltag der Menschen stattfindet, und zwar auch im Arbeitsalltag. Es ist damit nicht bloss eine Konsumkritik gemeint. Die Menschen sind lohnabh\u00e4ngig und arbeiten in der Autoindustrie oder im Flugverkehr oder anderen Sektoren, die mit starken Emissionen verbunden sind. Und sie reproduzieren sich \u00fcber Lebensmittel, die kapitalistisch produziert werden, oder sie kaufen Kleider, die anderenorts unter kritischen Bedingungen hergestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Imperial bedeutet in unserem Verst\u00e4ndnis nicht imperialistisch als politische Strategie, sondern ein Ausgreifen auf billige Natur und billige Arbeitskraft andernorts \u2013 in der eigenen Gesellschaft oder weltweit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Diese imperiale Lebensweise ist zum Muster auch f\u00fcr aufstrebende Volkswirtschaften wie China oder Indien geworden. Warum \u00fcberhaupt?<\/p>\n\n\n\n<p>Im Alltag von vielen Menschen ist diese imperiale Produktions- und Lebensweise sehr attraktiv. Sie erm\u00f6glicht h\u00f6here Arbeitsproduktivit\u00e4t und damit Geh\u00e4lter und mehr Konsum. Nat\u00fcrlich ist sie auch zerst\u00f6rerisch. Aber angesichts der multiplen Krisen wirkt sie wie ein Versprechen, eben diese Krisen zu l\u00f6sen; zum Beispiel werden \u00fcber den Fossilismus eines Donald Trump die Verh\u00e4ltnisse stabilisiert. Gleichzeitig versch\u00e4rft sie damit die Krisen auch. Gerade diese Dialektik denken wir mit dem Begriff.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Imperialismus bezeichnet eine politische Strategie oder eine historische Epoche. Ist die Verwendung des Begriffs in Bezug auf eine Lebensweise nicht irref\u00fchrend?<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den machtvollen Interessen und Imperativen wie Wachstum und Kapitalakkumulation, die im Kapitalismus wirken, ist es eben auch wichtig, die Subjektivit\u00e4t der Menschen in den Blick zu nehmen. Das leistet der Begriff der imperialen Lebensweise und st\u00f6sst damit auch die Diskussion an.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff macht etwas mit einem. Er wird im zivilgesellschaftlichen Spektrum \u2013 in kirchlichen Foren, in Schulen, in der politischen Bildung \u2013 stark rezipiert, weil er offensichtlich ber\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wir schreiben uns schon auch in eine Imperialismusdiskussion ein, und zwar eher auf der Linie von Rosa Luxemburg, die gesagt hat, Kapitalismus braucht f\u00fcr seine eigene Reproduktion ein \u00c4usseres. Sich ein \u00c4usseres einzuverleiben ist im Sinne von Rosa Luxemburg ein wesentliches Kennzeichen des Imperialismus. Andere haben das auch als \u00abLandnahme\u00bb bezeichnet. Wir haben dieses Imperialismus-Verst\u00e4ndnis nicht nur auf die Produktionsweise, sondern auch auf die Lebensweise angewendet, wie es bei Rosa Luxemburg und anderen nicht der Fall war.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wurden auch gefragt, warum wir nicht einfach von kapitalistischer Lebensweise sprechen. Ja, die Lebensweise ist kapitalistisch. Aber die Semantik von \u00abimperial\u00bb hat eben dieses Ausgreifende, dass etwas anderes beherrscht wird. Deshalb ist der Begriff in der Diskussion so sehr wirksam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Die imperiale Lebensweise scheint ungeheuer attraktiv zu sein. Ist sie gar alternativlos?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat erst einmal etwas Praktisches an sich, sie wird allt\u00e4glich gelebt, muss gelebt werden. Sie ist ein Zwang, der aber nicht als Zwang empfunden wird, wenn ich auf dem Land ohne \u00f6ffentliche Verkehrsanbindung lebe und ein Auto brauche; wenn ich im Statuskonsum gefangen bin. Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, billiges Fleisch zu bekommen, ein Auto zu besitzen, bei entsprechenden Einkommen zu fliegen \u2013 all dem wohnt etwas Attraktives inne; es ist bequem und materiell wohlst\u00e4ndisch. Was wir also verstehen wollen, ist die Subjektivit\u00e4t neben den machtvollen Interessen der grossen Akteure. Wir betonen aber auch, dass die imperiale Lebensweise auf h\u00f6chst ungleichen Verh\u00e4ltnissen entlang von Klassen-, Geschlechter- und rassifizierten Strukturen basiert und diese auch stabilisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Um auf Ihre Frage zur\u00fcckzukommen: Ich w\u00fcrde sagen, die imperiale Lebensweise ist nicht alternativlos. Sie scheint alternativlos. Doch kritische Analyse und nicht zuletzt politische Bildung erm\u00f6glichen es, \u00fcber Alternativen nachzudenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Es n\u00fctzt nichts zu moralisieren. Wir brauchen ein anderes Wohlstandsmodell, m\u00fcssen also andere Bedingungen schaffen im Bereich von Mobilit\u00e4t, Ern\u00e4hrung, Kleidung. Wir brauchen damit auch Regeln wie etwa andere Lieferkettengesetze oder ein gerechteres Steuersystem. Aber das ist genau auch das Einfallstor der politischen Rechten, die gleich von Bevormundung und Einschr\u00e4nkung der Freiheit spricht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Als Alternative sozusagen ohne Verzicht auf Wohlstand wird die \u00f6kologische Modernisierung gehandelt. Diese sehen Sie aber ebenfalls skeptisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst einmal ist eine solche Modernisierung wichtig, vor allem wenn es um eine konsequente Dekarbonisierung des Energiesektors und um einen drastischen R\u00fcckgang des Rohstoffverbrauchs geht. Doch die dominanten Formen der \u00f6kologischen Modernisierung greifen zu kurz. Es ist oft das Versprechen, dass die Technologie das Problem l\u00f6sen wird. Aber das ist ein Trugschluss. Zun\u00e4chst einmal stellt sie die Machtverh\u00e4ltnisse nicht in Frage. Wenn wir von einer Produktions- und Lebensweise sprechen, m\u00fcssen wir erkennen, dass mit fossilem Kapitalismus sehr viel Geld verdient wird. Aus unserer Sicht aber braucht es diese Infragestellung des fossilen Kapitals, der fossilen Investitionen und \u2013 was vielleicht das Schwierigste ist \u2013 es braucht eine Infragestellung der imperialen Produktions- und Lebensweise.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00f6kologische Modernisierung reproduziert auch ein falsches Bild, dass n\u00e4mlich mit dem Anstieg der erneuerbaren Energien die fossilen zur\u00fcckgedr\u00e4ngt w\u00fcrden. Es ist aber anders: In seinem Buch \u00abMore and More and More\u00bb sagt der franz\u00f6sische Umwelthistoriker Jean-Baptiste Fressoz, dass alternative Energiequellen die fossilen deshalb nicht ersetzen werden, weil der Energiehunger zu gross ist, der Verbrauch mit Digitalisierung, KI und Elektrifizierung immer weiter steigt. Das politisch v\u00f6llig unverd\u00e4chtige Energie-Institut mit Sitz in London hat im j\u00fcngsten Jahresbericht gezeigt, dass weltweit immer noch 87 Prozent der Energie aus fossilen Energietr\u00e4gern gewonnen wird<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\"> (https:\/\/www.energyinst.org\/statistical-review<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Sie schlagen selbst eine Alternative vor, die Sie die Solidarische Lebensweise nennen. Was ist darunter zu verstehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist ein weites, spannendes und wichtiges Feld und ich nenne nur Stichworte, weil wir in beiden B\u00fcchern ausf\u00fchrlich darauf eingehen. Markus Wissen und ich kommen aus der politischen \u00d6kologie, einer kritischen Str\u00f6mung der Nachhaltigkeitsforschung. Da gibt es den wichtigen Begriff der Versorgungsfelder. Dabei schauen wir uns die \u00f6konomischen, politischen, subjektiven, kulturellen Aspekte einer Gesellschaft an, die stark von kapitalistisch-imperialen und patriarchalen Kr\u00e4ften geformt werden, aber auch ihre materiell-biophysischen Aspekte. Wir zoomen in diese einzelnen Aspekte rein und fragen: Wie sieht das Mobilit\u00e4tssystem, das Ern\u00e4hrungssystem, das Kommunikationssystem, das System von Kleidung, von Wohnen aus? Wie ist das Stadt-Land-Verh\u00e4ltnis organisiert? Wenn wir diese Bereiche konkret anschauen, stossen wir auf sehr viele Alternativen. Wir wissen, wie eine gute, nachhaltige Mobilit\u00e4t mit \u00f6ffentlichem Verkehr aussehen k\u00f6nnte. Wir wissen, dass die industrielle Fleischproduktion ein Mega-Treiber der Landzerst\u00f6rung und des Klimawandels ist und so weiter. Das ist wie ein Puzzle und da kommt schon sehr viel zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als zweites w\u00fcrden wir an die Stelle der profitorientierten Produktion eine Produktion setzen wollen, die sich am Gebrauchswert orientiert, und auch im Konsum stark auf den Gebrauchswert setzen. Das heisst, es wird neben dem \u00f6ffentlichen Sektor immer noch privatwirtschaftlich produziert. Es geht nicht um die komplette Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln oder darum, dass der Staat alles richten soll. Aber die enorme Dominanz des Profits um des Profits willen w\u00fcrde stark eingeschr\u00e4nkt werden. Und damit sind wir durchaus bei Fragen, wer \u00fcber die grossen Verm\u00f6gen und Investitionen verf\u00fcgt, inwiefern \u2013 das sehen wir aktuell in den USA sehr deutlich \u2013 wirtschaftliche Macht sich in politische Macht \u00fcbersetzt. Dem muss Einhalt geboten werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">K\u00f6nnen Sie ein Beispiel geben?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache es mal an der Kleidung fest. Es soll weiterhin Mode geben, weiterhin Innovation. Aber es soll keine Produktion nur um der Produktion willen geben, keine Fast-Fashion, die dazu f\u00fchrt, dass einfach gigantische Mengen hergestellt werden, die ungenutzt oder nach wenigen Nutzungen dann gleich wieder auf dem M\u00fcll landen. Wenn wir in komplexen und durchaus auch konfliktiven Prozessen beschliessen, dass Kleidung etwas Wertvolles ist, k\u00f6nnte man zun\u00e4chst entsprechende Rahmenbedingungen schaffen. Etwa h\u00f6here Steuern auf die Produktion von Baumwolle oder chemisch hergestellte Materialien, gute Arbeitsbedingungen f\u00fcr diejenigen, die die Baumwolle ernten, die den Vertrieb organisieren und letztlich die Kleidung herstellen. Man k\u00f6nnte jene Unternehmen, die nachhaltig produzieren, besserstellen \u2013 \u00fcber Preise, \u00fcber Labels, vielleicht auch \u00fcber Zusch\u00fcsse f\u00fcr eine bestimmte \u00dcbergangszeit. Aber es br\u00e4uchte auch einen kulturellen Wandel bei den Konsumentinnen und Konsumenten. Man w\u00fcrde Kleidung wieder l\u00e4nger tragen, wie es noch bei unserer Elterngeneration der Fall war, und bei Bedarf flicken. Es g\u00e4be viel mehr Tauschb\u00f6rsen f\u00fcr Kleidung und das w\u00e4re richtig cool. Aber damit h\u00e4ngen eben knallharte Machtfragen zusammen. Und auch f\u00fcr die L\u00e4nder, in denen die Fast-Fashion produziert wird, bedeutete dies einen \u00dcbergang, der gesteuert und begleitet werden muss, damit die Menschen nicht \u00fcber Nacht arbeitslos werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Die EU wird eine Drei-Euro-Importsteuer auf kleine Pakete mit einem Warenwert von weniger als 150 Euro als Instrument gegen die Paketflut einf\u00fchren. Ist das ein solches Instrument, wie es Ihnen vorschwebt?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, durchaus. Das politische Ziel ist: Weniger Kleidung, um bei unserem Beispiel zu bleiben, und die soll \u00f6kologisch nachhaltig produziert werden. Und das kann \u00fcber Abgaben durchaus gesteuert werden, gerade angesichts der absurden Dynamik der letzten Jahre. Aber das sind Prozesse, die bei uns, international und auch in den betroffenen L\u00e4ndern stattfinden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Aber h\u00e4ngt letztlich nicht alles an der Nachfrage?<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, die Musik spielt vielmehr auf der Produktionsseite. Dennoch: Die Nachfrage \u00e4ndert sich, wenn etwas unattraktiv wird, wenn also Fast-Fashion-Produkte dreimal teurer werden als nachhaltig und fair produzierte Kleidung. Oder weil man erkennt, dass Fast-Fashion giftige Stoffe enth\u00e4lt. Bei Spielzeugen funktioniert das ja. Gewisse Spielzeuge sind nicht mehr zul\u00e4ssig, weil sie giftig sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir d\u00fcrfen nicht drumherum reden. Es reicht nicht, wenn alle jungen Leute sich nur noch in Tauschb\u00f6rsen versorgen. Es ist auch eine Frage von Regulierung, von politischem Willen, von Lieferkettengesetzen. Es geht darum, dass Fast-Fashion gar nicht mehr produziert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist in einer Wachstumsgesellschaft zun\u00e4chst sehr schwer sich vorzustellen. Deshalb geht das nicht von jetzt auf gleich. Das ist ein riesiges Programm, und es muss zun\u00e4chst einmal viel experimentiert werden. Das Gleiche gilt beim Ausbau des Mobilit\u00e4tssystems. Will man neue Autobahnen bauen oder den \u00f6ffentlichen Verkehr erweitern?<\/p>\n\n\n\n<p>Da sind wir wieder bei der Frage der Versorgungsfelder. Sie h\u00e4ngt mit politischen Entscheidungen zusammen, aber auch mit pers\u00f6nlichen Entscheidungen der Nutzerinnen und Nutzer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Die Einschr\u00e4nkung von Konsum oder der M\u00f6glichkeit, sein Auto \u00fcberall hinfahren zu d\u00fcrfen, wird reflexartig als Beschneidung der individuellen Freiheit empfunden. Was halten Sie dem entgegen?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir brauchen ein neues Freiheitsverst\u00e4ndnis. Von der Freiheit, machen zu k\u00f6nnen, was man will \u2013 vorausgesetzt man verf\u00fcgt \u00fcber gen\u00fcgend Geld \u2013, m\u00fcssen wir zu einem positiven Freiheitsbegriff gelangen, der immer auch die Freiheit des anderen einklammert \u2013 neben dem Erhalt unserer nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen. Es ist eine Freiheit zur Zukunft oder, wie es die Philosophin Eva von Redecker formuliert hat, eine Bleibefreiheit. Ein sch\u00f6ner Begriff, wie ich finde, der nicht nur ein r\u00e4umliches, sondern ein zeitliches Bleiben meint.&nbsp; Wenn wir auf diesem Planeten bleiben wollen, m\u00fcssen wir weg von diesem dauernd Expansiven, dauernd Ausgreifenden, das ja vielfach zerst\u00f6rerisch ist. Damit kann dem v\u00f6llig verengten und brutalen Verst\u00e4ndnis von Freiheit etwas entgegengesetzt werden: Der Illusion, man sei ein autonomes Individuum und k\u00f6nne machen, was man wolle. Auf der Grundlage dieser Illusion wird die Absenkung von sozialen und \u00f6kologischen Standards begr\u00fcndet \u2013 in Deutschland zum Beispiel der Verzicht auf Tempolimits auf Autobahnen. Alle wissen, dass dies sinnvoll w\u00e4re, es wird aber als vermeintliche Einschr\u00e4nkung von Freiheit skandalisiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Kann die Vernunft gegen die emotionale Kraft, die diesem expansiven Verst\u00e4ndnis von Freiheit innewohnt, ankommen?<\/p>\n\n\n\n<p>An der Vernunft w\u00fcrde ich erst einmal festhalten. Wenn wir Erkenntnisse und Erfahrungen ernst nehmen, vor allem auch wissenschaftliche, und Werte einf\u00fchren wie soziale Gerechtigkeit, dann ist eine vern\u00fcnftige Politik weiterhin angesagt. Der dominante Politikmodus ist zwar zurzeit sehr stark einer der Irrationalit\u00e4t. Aber es sind politische K\u00e4mpfe um Rahmenbedingungen im Gange, damit eben eine andere Lebensweise und anderer Wohlstand m\u00f6glich sind. Und auch auf der Ebene der Subjektivit\u00e4t oder des Bewusstseins, wenn man so will, finden Lernprozesse statt, die Einsichten erzeugen, die Menschen pers\u00f6nlich oder in ihrem beruflichen Umfeld anders handeln lassen. Dennoch ben\u00f6tigt auch vern\u00fcnftige Politik Emotion, da stimme ich zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Die Politik eines Trump bezeichnen Sie auch als fossilen Faschismus. Das klingt eher nach Ideologie. Ist dieser mit Rationalit\u00e4t tats\u00e4chlich beizukommen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Diskussion ist ja aktuell sehr intensiv. Macht der Faschismusbegriff im Sinne eines etablierten Systems Sinn, um aktuelle Tendenzen zu verstehen? Ich finde ihn hilfreich, w\u00fcrde aber eher die aktuellen Dynamiken verstehen wollen und ziehe den Begriff der Faschisierung vor. Grundlage von Machthabern wie Trump oder Putin ist das fossile Energiesystem und das fossile Kapital. Sie agieren deshalb nicht umsonst gegen die globale Dekarbonisierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Faschisierung wird nun kurzgeschlossen mit der imperialen Lebensweise, die als \u00abAmerica First!\u00bb verteidigt werden soll, die das grosse Steak einschliesst oder das Verbrennerauto. Sie manifestiert sich in einer Art von M\u00e4nnlichkeit, die die amerikanische Politikwissenschaftlerin Cara Daggett als Petromaskulinit\u00e4t bezeichnet hat. Aber sie steht, wie gesagt, in Verbindung mit handfesten materiellen, politischen und wirtschaftlichen Interessen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Wenn es darum geht, faschistoiden Tendenzen zu begegnen, kommt sehr schnell die Bildung ins Spiel. Welche Rolle messen Sie ihr zu und welche Art von Bildung ist dazu angetan, die Lebensweise der Menschen zu \u00e4ndern?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie der Intellektuelle und Politiker Antonio Gramsci vor 100 Jahren gesagt hat: Der Alltagsverstand der Menschen ist erst einmal widerspr\u00fcchlich. Die Menschen sind nicht alle nur neoliberal oder patriarchal geb\u00fcrstet. Es gibt Widerspr\u00fcche in der Weltauffassung und Alltagspraxis und diese bilden einen wichtigen Ansatzpunkt f\u00fcr Bildungsprozesse. Zum Beispiel die Tatsache, dass es mir gut geht, aber andern nicht, dass die Welt ungerecht ist \u2013 das ber\u00fchrt viele, auch wenn sie wenig dagegen machen k\u00f6nnen. Das hat mit Empathie zu tun, aber auch mit dem Wissen \u00fcber Verh\u00e4ltnisse und deren Einordnung. Da spielen Begriffe eine wichtige Rolle, etwa gemeine Metaphern wie \u00abdie Armen sind an ihrem Schicksal selbst schuld\u00bb, \u00abdie Arbeitslosen sind faul\u00bb oder \u00abFl\u00fcchtlingswelle\u00bb. Dem k\u00f6nnen wir solidarische Begriffe entgegensetzen wie \u00abGutes leben f\u00fcr alle\u00bb, \u00abdie Stadt f\u00fcr die Vielen\u00bb oder \u00abkein Milliard\u00e4r hat sein Geld selbst verdient\u00bb. Aber beim Begreifen der Welt sind es dann Begriffe, die Widerspr\u00fcche zulassen, eben wie jener der imperialen Lebensweise.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderes Thema f\u00fcr die Bildung: Wie verstehen wir Gesellschaft? Ist es eine Ansammlung von Individuen, die ihren Nutzen maximieren wollen, wie uns das neoliberale Denken vorgeben m\u00f6chte? Dem w\u00fcrde ich entgegenhalten: Gesellschaft organisiert sich sehr stark \u00fcber kollektive Interessen und \u00fcber kollektive Akteure, also \u00fcber Unternehmen, \u00fcber staatliche Institutionen, \u00fcber Verb\u00e4nde, nat\u00fcrlich auch \u00fcber Protestbewegungen. In Vereinen wird sehr viel Alltag verhandelt. Gesellschaften stellen sich sehr stark kollektiv her. Die Relevanz von Klimakrise, von Geschlechtergerechtigkeit oder die gerechte Behandlung von Fl\u00fcchtlingen etwa muss nicht nur bei Individuen ankommen, sondern in der \u00d6ffentlichkeit. Sie muss in organisierten Interessen verhandelt werden. In diesem Sinn muss Bildung \u2013 und ich schliesse da Erwachsenenbildung mit ein \u2013 in einem sehr umfassenden Sinn betrachtet werden, \u00fcber die Grenzen eines Seminarraums hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die konkrete Lernsituation bietet ebenfalls Chancen. Viele Lernende haben wohl mit der Klimakrise pers\u00f6nlich gar nicht viel zu tun. Aber die Lernsituation schafft die M\u00f6glichkeit zu reflektieren, was sie gesellschaftlich bedeutet. Die Lernsituation kann Impulse geben, Akzente setzen. Das ist, glaube ich, Teil eines lebenslangen Lernens, weil immer wieder im Lichte gesellschaftlicher Entwicklungen und eigener Erfahrungen reflektiert werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Wenn Sie von kollektiver Auseinandersetzung mit Problemen sprechen, ist das gewissermassen gesellschaftliches Lernen. Nun gibt es durchaus Tendenzen, die der imperialen Lebensweise den R\u00fccken kehren. Das Lernen findet offenbar statt. Aber ist das Tempo ausreichend?<\/p>\n\n\n\n<p>Aktuell nicht. Davon bin ich \u00fcberzeugt. Und ich bin auch ratlos. Gerade scheinen das fossile Kapital und seine politischen Verb\u00fcndeten am Dr\u00fccker zu sein und deren Macht wird von vielen Menschen begr\u00fcsst oder zumindest passiv hingenommen. Wir sehen das nicht allein in den USA. Die deutsche Wirtschaftsministerin war als Lobbyistin t\u00e4tig und ist bis heute eng mit der fossilen Energiewirtschaft verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir brauchen wohl verst\u00e4rkt so etwas wie gesellschaftliche Konflikte, um progressive sozial-\u00f6kologische Anliegen zu formulieren und gegen m\u00e4chtige Interessen zu st\u00e4rken. Die Fridays for Future waren am Ende zwar politisch nicht sehr erfolgreich, aber sie haben die Gesellschaft wachger\u00fcttelt. In Berlin gibt es die wichtige Kampagne \u00abDeutsche Wohnen &amp; Co enteignen\u00bb, die die Macht der Immobilienkonzerne einschr\u00e4nken will. Das hat Alltagsdiskussionen erm\u00f6glicht und auch politische Auseinandersetzungen. Aber bin ich heute viel skeptischer bei der Klimapolitik. Den Einstieg in den Umstieg erneut zu schaffen, nachdem die fossilen Kr\u00e4fte wieder dominieren, ist schwieriger geworden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Man k\u00f6nnte es ja auch so sehen: Was gerade geschieht, ist ein letztes Aufb\u00e4umen der fossilen Lebensweise, eine Art fossile Nostalgie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass in f\u00fcnf Jahren alles vorbei ist. Aber ich sehe es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead\">Wollen Sie eine Prognose stellen, wo wir in f\u00fcnf Jahren stehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe davon aus, dass der Fossilismus zu mehr Kollapsen f\u00fchren wird im Sinne des zeitweisen Zusammenbrechens von Versorgungssystemen. In dieser Situation braucht es dann Prozesse und Angebote sowohl gesellschaftlichen wie institutionalisierten Lernens. Dabei geht es nicht nur um die Wiederherstellung, sondern um die Ver\u00e4nderung hin zu einer solidarischen und \u00f6kologisch nachhaltigen Produktions- und Lebensweise.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\"><strong>Literatur des Autors<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ulrich Brand, Markus Wissen. Kapitalismus am Limit. Oekom Verlag. 2024<\/p>\n\n\n\n<p>Ulrich Brand, Markus Wissen. Imperiale Lebensweise. Oekom Verlag. 2017. (siehe auch: https:\/\/imperiale-lebensweise.de\/)<\/p>\n\n\n\n<p>Lara Kierot, Ulrich Brand, Dirk Lange (Hrsg.). Solidarit\u00e4t in Zeiten multipler Krisen. Imperiale Lebensweise und Politische Bildung. Springer VS 2023.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weitere aufgef\u00fchrte Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Cara New Daggett. Petromaskulinit\u00e4t. Matthes &amp; Seitz Berlin. 2023.<\/p>\n\n\n\n<p>Jean-Babtiste Fressoz. More and More and More. Penguin Books. 2024.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\">Eva von Redecker. Bleibefreiheit. S Fischer Verlag. 2023.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Politikwissenschafter Ulrich Brand verkn\u00fcpft die Klimakrise mit einer Lebensweise, die er als imperial bezeichnet. Sie zu \u00fcberwinden h\u00e4lt er f\u00fcr unumg\u00e4nglich. 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