{"id":4288,"date":"2026-09-23T09:02:24","date_gmt":"2026-09-23T07:02:24","guid":{"rendered":"https:\/\/thinktank-transit.ch\/?post_type=dialogue&#038;p=4288"},"modified":"2026-09-23T09:02:02","modified_gmt":"2026-09-23T07:02:02","slug":"herr-oesch-ist-die-polarisierung-des-arbeitsmarkts-ein-mythos","status":"publish","type":"dialogue","link":"https:\/\/thinktank-transit.ch\/de\/dialogue\/herr-oesch-ist-die-polarisierung-des-arbeitsmarkts-ein-mythos\/","title":{"rendered":"Herr Oesch, ist die Polarisierung des Arbeitsmarkts ein Mythos?"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group is-style-default has-cyan-bluish-gray-background-color has-background is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">\u00dcber Daniel Oesch<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daniel Oesch ist ausserordentlicher Professor f\u00fcr Soziologie an der Universit\u00e4t Lausanne. Er befasst sich intensiv mit den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, der Bedeutung von Berufsgruppen und dem Wandel der sozialen Schichten in der Schweiz und international. Ein Thema, welches in seiner Forschung h\u00e4ufiger aufgenommen wird, ist die Polarisierung.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Seit den 1990er-Jahren gibt es die sogenannte Polarisierungsthese. Sie besagt, dass der technologische Wandel die Mittelschicht aush\u00f6hlt: W\u00e4hrend die Besch\u00e4ftigung in hoch- und niedrigqualifizierten Berufen zunimmt, geraten Berufe mit mittlerem Qualifikationsniveau unter Druck. In Ihrer Forschung sprechen Sie hingegen vom \u00abMythos der Polarisierung\u00bb. Weshalb?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Polarisierungsthese wurde urspr\u00fcnglich auf der Basis amerikanischer Daten formuliert. In den USA konnte man einen Wandel beobachten, bei dem die am besten bezahlten Berufe stark an Besch\u00e4ftigung gewonnen haben, w\u00e4hrend durchschnittlich bezahlte Berufe an Besch\u00e4ftigung verloren. Am unteren Ende gab es ein leichtes Wachstum. Die Entwicklung ist deshalb eher J-f\u00f6rmig als U-f\u00f6rmig: starkes Wachstum oben, Stagnation oder R\u00fcckgang in der Mitte und leichtes Wachstum unten. In der Schweiz sehen wir ebenfalls ein starkes Wachstum bei den h\u00f6her qualifizierten Berufen, aber kaum Wachstum am unteren Ende. \u00c4hnliche Entwicklungen zeigen sich auch in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Das ist plausibel: Durch die starke Bildungsexpansion hat das Angebot an gut qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften zugenommen. Gleichzeitig ist mit dem technologischen Wandel und der Globalisierung zwischen den 1990er-Jahren und heute die Nachfrage nach gut qualifizierten Arbeitnehmenden gestiegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Sie haben auch untersucht<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, unter welchen Bedingungen Polarisierung in verschiedenen Ortschaften auftritt und sprechen von \u00abpolarised upgrading\u00bb. Was umfasst dieser Begriff?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir haben untersucht, wie sich die Besch\u00e4ftigung in den letzten dreissig Jahren in den zehn gr\u00f6ssten britischen und den zehn gr\u00f6ssten deutschen St\u00e4dten ver\u00e4ndert hat. In den britischen St\u00e4dten zeigt sich \u00fcberall ein \u00e4hnlicher Trend: ein starkes Wachstum bei h\u00f6her qualifizierten Berufen, insbesondere bei akademischen Expertinnen und Experten sowie im Management. Gleichzeitig wachsen die pers\u00f6nlichen Dienstleistungen, w\u00e4hrend Produktions-, Facharbeiter- und B\u00fcroassistenzberufe zur\u00fcckgehen. Im internationalen Vergleich \u00e4hnelt Grossbritannien damit dem amerikanischen Modell: Es gab ein Wachstum am unteren Ende der Lohnstruktur, insbesondere bei wenig qualifizierten pers\u00f6nlichen Dienstleistungen. Dieses Wachstum hing unter anderem mit der starken Einwanderung aus den neuen EU-Mitgliedstaaten nach der EU-Erweiterung von 2004 zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Deutschland zeigt sich ein \u00e4hnliches Bild, allerdings mit deutlich schw\u00e4cherem Wachstum bei den niedrig qualifizierten Dienstleistungen. Produktions- und Facharbeiterberufe gehen zur\u00fcck, B\u00fcrohilfskr\u00e4fte stagnieren und pers\u00f6nliche Dienstleistungen wachsen nur schwach. Erst in den 2000er-Jahren ver\u00e4nderte sich die Situation unter dem Einfluss hoher Arbeitslosigkeit und der Hartz-Reformen. Dadurch entstand ein vergleichsweise grosser Niedriglohnsektor. Diese Entwicklung wurde sp\u00e4ter teilweise wieder korrigiert, insbesondere durch die Einf\u00fchrung des Mindestlohns und dessen mehrfache Erh\u00f6hungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Die Ergebnisse, auf die sich die Polarisierungsthese eigentlich bezieht, stammen urspr\u00fcnglich aus den USA. Weshalb hat sich die Entwicklung dort anders vollzogen als in der Schweiz?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei Faktoren waren besonders wichtig. Erstens die starke Einwanderung aus L\u00e4ndern wie Mexiko oder den Staaten Zentralamerikas. Viele dieser Personen waren bereit, f\u00fcr tiefe L\u00f6hne in wenig qualifizierten Bereichen zu arbeiten. Zweitens die tiefen Mindestl\u00f6hne und die schwache Abdeckung durch Kollektivvertr\u00e4ge. Dadurch wurde es m\u00f6glich, sehr viele Tieflohnstellen zu schaffen. Deshalb gibt es in den USA auch T\u00e4tigkeiten, die man in Europa kaum kennt, etwa Personen, die Kundinnen und Kunden am Eingang eines Supermarktes begr\u00fcssen oder hinter der Kasse die Eink\u00e4ufe einpacken. Solche T\u00e4tigkeiten lohnen sich wirtschaftlich nur, wenn das Lohnniveau sehr tief gehalten werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Schweiz bestehen im Gegensatz dazu in vielen Branchen Mindestl\u00f6hne \u00fcber Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge, etwa im Hotel- und Gastgewerbe, im Reinigungsgewerbe oder in der Personalverleih-Branche. Dadurch gibt es in Bereichen mit potenziell tiefen L\u00f6hnen verbindliche Untergrenzen, die eine starke Ausweitung des Tieflohnsektors verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Ihre Studien unterstreichen diesen Mechanismus: Sie zeigen, dass die Berufsstruktur in der Schweiz nur wenig Polarisierung aufweist. Ein erkl\u00e4render Faktor sind die branchenspezifischen Mindestl\u00f6hne, wie Sie gerade ausgef\u00fchrt haben. Sie erkl\u00e4ren die Berufsstruktur aber auch mit dem Bildungssystem, welches viele mittlere und h\u00f6her ausgebildete Personen hervorbringt. Welche Eigenschaften des Schweizer Bildungssystems und der Bildungslandschaft erm\u00f6glichen diese Resultate?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schweiz verf\u00fcgt \u00fcber ein sehr leistungsf\u00e4higes Bildungssystem, insbesondere dank der Berufsbildung, die viele Menschen auf ein mittleres Qualifikationsniveau bringt. Das zeigt sich auch bei der Zuwanderung: Einerseits gibt es eine starke Zuwanderung von Personen mit Terti\u00e4rbildung, andererseits von Personen mit lediglich obligatorischer Schulbildung. Mit einem Bildungsniveau dazwischen, das heisst, Sekundarstufe II-Niveau, gibt es vergleichsweise wenige zugewanderte Menschen. Das h\u00e4ngt damit zusammen, dass die Schweiz einen grossen Teil der eigenen Bev\u00f6lkerung mindestens auf ein Sekundarstufe-II-Niveau bringt. Entscheidend ist dabei, dass die Berufsbildung sehr gut auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet ist und die Menschen dadurch vergleichsweise gut integrierbar bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Betrachtet man die Entwicklung des Schweizer Bildungssystems \u00fcber die letzten Jahrzehnte, zeigt sich, dass heute deutlich weniger Menschen als h\u00f6chsten Bildungsabschluss lediglich eine Berufsbildung auf Sekundarstufe II haben. Das bedeutet allerdings nicht, dass weniger Menschen eine Berufslehre absolvieren. Viele bilden sich sp\u00e4ter weiter und erwerben zus\u00e4tzlich einen terti\u00e4ren Abschluss \u2013 sei es \u00fcber die h\u00f6here Berufsbildung, eine Fachhochschule oder eine Universit\u00e4t. Betrachtet man die Menschen im Alter von 35 Jahren, verf\u00fcgt heute etwa die H\u00e4lfte einer Kohorte \u00fcber einen Abschluss auf Terti\u00e4rstufe. Das ist eine aus meiner Sicht sehr positive Entwicklung: Menschen k\u00f6nnen sich \u00fcber den beruflichen Bildungsweg schrittweise bis auf Terti\u00e4rstufe weiterqualifizieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Ein mit dem Arbeitsmarkt eng zusammenh\u00e4ngender Begriff ist derjenige der \u201cSchichtzugeh\u00f6rigkeit\u201d. Sie geht Hand in Hand mit einer potenziellen Polarisierung des Arbeitsmarktes, da f\u00fcr die meisten Menschen das Einkommen durch Lohnarbeit \u2013 und weniger das Verm\u00f6gen \u2013 entscheidend ist, zu welcher gesellschaftlichen Schicht sie geh\u00f6ren. Eine Ihrer Studien untersucht den Zusammenhang zwischen subjektiv wahrgenommener Schichtzugeh\u00f6rigkeit und dem Haushaltseinkommen und -verm\u00f6gen. Ihre Erkenntnis ist, dass die subjektiv wahrgenommene Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gesellschaftsschicht diese Faktoren sehr gut vorhersagen kann, noch besser als objektive Masse der Schichtzugeh\u00f6rigkeit. Wie ist das m\u00f6glich? Sch\u00e4tzen sich die Leute nicht falsch ein?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lange ging die Soziologie davon aus, dass Menschen keine besonders gute Vorstellung davon haben, welcher sozialen Schicht sie angeh\u00f6ren. Internationale Umfragen zeigen jedoch, dass sie sich erstaunlich pr\u00e4zise einordnen, wenn sie zwischen klar definierten Kategorien w\u00e4hlen k\u00f6nnen. Diese Antworten sagen das Haushaltseinkommen relativ gut voraus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessant ist allerdings, dass sich kaum jemand als \u00abOberschicht\u00bb bezeichnet. Selbst sehr privilegierte Personen sehen sich eher als obere Mittelschicht. Der Begriff Oberschicht wird h\u00e4ufig mit ererbtem Privileg verbunden, w\u00e4hrend obere Mittelschicht st\u00e4rker leistungsorientiert klingt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Sie kritisieren h\u00e4ufig den Begriff \u00abMittelschicht\u00bb. Was ist problematisch daran?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe vor allem ein Problem mit dem Begriff \u00abMittelstand\u00bb, nicht mit \u00abMittelschicht\u00bb. In der Schweiz spricht man st\u00e4ndig vom Mittelstand: \u00abWer geh\u00f6rt dazu?\u00bb oder \u00abDer Mittelstand kommt unter Druck\u00bb. Allerdingst stammt dieser Begriff aus der st\u00e4ndischen Gesellschaft des Mittelalters und heute sind wir keine st\u00e4ndische Gesellschaft mehr. Hinzu kommt, dass er inzwischen so verwendet wird, dass praktisch alle dazugeh\u00f6ren. Von Christoph Blocher bis zum Hilfsarbeiter werden alle irgendwie der Mitte zugerechnet. Ausgenommen sind h\u00f6chstens einige wenige Superreiche oder Sozialhilfebeziehende. Das ist nat\u00fcrlich politisch gewollt, weil dadurch suggeriert wird, dass wir sozio\u00f6konomisch alle im selben Boot sitzen. Dann muss man weniger \u00fcber soziale Unterschiede oder Ungleichheit sprechen und kann sich st\u00e4rker auf andere Differenzen konzentrieren. Dieser Diskurs hat sich in der Schweiz stark durchgesetzt, soziologisch ergibt er aber wenig Sinn. Mit der Industriegesellschaft wurde diese Ordnung durch eine Klassengesellschaft abgel\u00f6st: einer Ober-, Mittel- und Unterklasse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">K\u00f6nnen Sie das ausf\u00fchren?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Historisch gesehen war seit der Industrialisierung die Arbeiterklasse mit Abstand die gr\u00f6sste Schicht. Viel mehr Menschen arbeiteten in der Produktion oder in manuellen Berufen als in B\u00fcro- oder anderen nicht manuellen T\u00e4tigkeiten. Daneben gab es eine kleinere Mittelklasse, etwa Kaufleute, Lehrpersonen, Juristen oder Beamte, sowie eine sehr kleine, aber m\u00e4chtige Oberschicht, die \u00fcber Kapital, Land oder Betriebe verf\u00fcgte. Die Mittelklasse \u2013 heute w\u00fcrde man sagen Mittelschicht \u2013 war historisch also nie \u00abarithmetisch\u00bb in der Mitte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie das Bundesamt f\u00fcr Statistik den Begriff verwendet, beginnt die Mittelschicht bereits bei 70 Prozent des Medianeinkommens. F\u00fcr einen Einpersonenhaushalt entspricht das rund 4\u2019230 Franken brutto pro Monat. Im Kanton Genf liegt der Mindestlohn f\u00fcr eine Vollzeitstelle sogar leicht dar\u00fcber. Damit wird letztlich fast jede arbeitende Person zur Mittelschicht erkl\u00e4rt. Sobald jemand nicht von Sozialhilfe abh\u00e4ngig ist, gilt er oder sie als Mittelschicht. Zur Verteidigung des BFS muss man allerdings sagen, dass immerhin zwischen unterer und oberer Mittelschicht unterschieden wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotzdem stellt sich die Frage, was eigentlich noch unterhalb der Mittelschicht liegt. Fr\u00fcher sprach man von Arbeiterklasse und Mittelklasse; heute scheint hingegen zu gelten: Wer arbeitet, geh\u00f6rt automatisch zur Mittelschicht. Und das \u00fcberzeugt mich soziologisch nicht besonders.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Trotzdem wird politisch h\u00e4ufig von einer \u00abgef\u00e4hrdeten Mittelschicht\u00bb gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Politisch ist das nat\u00fcrlich attraktiv, weil man sich mit dem Verweis auf den \u00abMittelstand\u00bb kaum Gegner schafft, weil sich alle dazuz\u00e4hlen. Interessanter finde ich jedoch Ans\u00e4tze wie jenen des franz\u00f6sischen \u00d6konomen Thomas Piketty. Er definiert vier Schichten auf der Basis von Verm\u00f6gen. Dabei bildet die untere H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung die Arbeiterschicht (\u00ab classes populaires \u00bb), die \u00fcber kaum Verm\u00f6gen verf\u00fcgt. Darauf folgt die eigentliche Mittelschicht (\u00ab la classe moyenne \u00bb), ungef\u00e4hr vom 50. bis zum 90. Perzentil, die typischerweise etwas Verm\u00f6gen besitzt, vor allem in Form von selbstgenutztem Wohneigentum. Dar\u00fcber liegt die obere Mittelschicht (\u00ab classe moyenne sup\u00e9rieure \u00bb), etwa vom 90. bis zum 99. Perzentil, mit zus\u00e4tzlichem Finanz- oder Anlageverm\u00f6gen. Und schliesslich gibt es das oberste Prozent \u2013 die Oberschicht (\u00ab classe sup\u00e9rieur \u00bb). Selbst ein Prozent bedeutet f\u00fcr Schweiz noch rund 50\u2019000 Personen und ist gesellschaftlich wie wirtschaftlich sehr bedeutend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Aktuell wird viel dar\u00fcber diskutiert, dass die technologischen Entwicklungen im Bereich KI Berufe ver\u00e4ndern oder komplett abschaffen k\u00f6nnten: Dies h\u00e4tte wiederum grosse Auswirkungen auf den sozio\u00f6konomischen Status und die Schichtzugeh\u00f6rigkeit. Insbesondere mittelqualifizierte und h\u00f6herqualifizierte Berufe sollen betroffen sein. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Lohnt es sich noch, eine h\u00f6here Bildung aufzunehmen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Historisch betrachtet war h\u00f6here Bildung in den letzten 150 Jahren nie ein Nachteil. Deshalb w\u00fcrde ich heute niemandem empfehlen, seine Ausbildung m\u00f6glichst fr\u00fch abzubrechen, aus Angst, sp\u00e4ter durch KI ersetzt zu werden. Klar ist allerdings, dass gewisse Kompetenzen k\u00fcnftig noch wichtiger werden \u2013 insbesondere soziale Kompetenzen, da sie sich deutlich schwieriger automatisieren oder durch KI ersetzen lassen. Ansonsten bleibt vieles offen. In den vergangenen 120 bis 150 Jahren gab es mehrere grosse technologische Fortschrittswellen, ohne dass die Gesamtbesch\u00e4ftigung langfristig eingebrochen w\u00e4re. Deshalb w\u00e4re ich vorsichtig mit allzu pessimistischen Zukunftsszenarien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Wie k\u00f6nnen jetzt Arbeitnehmenden solchen Ver\u00e4nderungen begegnen? Stichwort: Upskilling und Reskilling. Welche Rolle spielt die Weiterbildung in diesem Zusammenhang?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich denke, es gibt grunds\u00e4tzlich zwei Richtungen, in welche Weiterbildung k\u00fcnftig gehen k\u00f6nnte. Die erste betrifft die Frage, wie Menschen mithilfe neuer Technologien \u2013 insbesondere KI \u2013 produktiver werden k\u00f6nnen. Wer lernt, diese Instrumente sinnvoll einzusetzen, kann T\u00e4tigkeiten deutlich effizienter gestalten. Deshalb wird es wichtig sein, zu verstehen, wie sich KI konkret in den Berufsalltag integrieren und produktiv nutzen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zweite Richtung betrifft Kompetenzen, die durch KI nicht ersetzt werden k\u00f6nnen oder gerade deshalb wichtiger werden, weil sie komplement\u00e4r zu KI sind. Dazu geh\u00f6ren insbesondere soziale F\u00e4higkeiten wie Zusammenarbeit, Kommunikation oder sogenannte \u00abPeople Skills\u00bb. Wenn KI zus\u00e4tzliche Nachfrage schafft, dann vermutlich in Bereichen, in denen menschliche Interaktion zentral bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Moment ist allerdings vieles in Bewegung. Klar scheint vor allem eines: Menschen werden lernen m\u00fcssen, mit KI zu arbeiten und dadurch produktiver zu werden. Gleichzeitig stellt sich die Frage, welche Kompetenzen gerade deshalb besonders wertvoll bleiben, weil sie nicht einfach von KI \u00fcbernommen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Gerade geringer qualifizierte Personen haben h\u00e4ufig M\u00fche im Umgang mit digitalen Technologien. Entsteht hier eine neue Form der Polarisierung?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist eine gute Frage. Ich weiss nicht, ob sich daraus tats\u00e4chlich eine neue Form der Polarisierung ergeben wird. Aber es erinnert mich an die 1990er- und fr\u00fchen 2000er-Jahre. Damals wurden vielerorts Informatikkurse angeboten, damit Menschen grundlegende digitale Kompetenzen erwerben konnten. Eventuell braucht es heute etwas \u00c4hnliches im Bereich KI: Angebote, die vermitteln, wof\u00fcr KI n\u00fctzlich ist, wie man sie sinnvoll einsetzt, Resultate \u00fcberpr\u00fcft und ihre M\u00f6glichkeiten und Grenzen einsch\u00e4tzt. Solche Fragen k\u00f6nnten k\u00fcnftig Teil einer neuen Welle digitaler Grundkompetenzen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht lernen viele Menschen den Umgang mit KI auch relativ schnell und selbstverst\u00e4ndlich. Das l\u00e4sst sich im Moment noch schwer einsch\u00e4tzen. Das Potenzial dieser Technologien ist jedoch enorm \u2013 und wahrscheinlich sollte man versuchen, es m\u00f6glichst breit zug\u00e4nglich zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Zum Schluss: Welche Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt werden Sie k\u00fcnftig genau beobachten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Entwicklung, die wir genau im Auge behalten m\u00fcssen, betrifft die starke Bildungsexpansion der letzten Jahrzehnte. Die Zahl der Menschen mit terti\u00e4ren Bildungsabschl\u00fcssen ist stark gewachsen. Diese zus\u00e4tzlichen Qualifikationen wurden vom Arbeitsmarkt bislang weitgehend absorbiert. Gleichzeitig ben\u00f6tigte der Schweizer Arbeitsmarkt noch mehr hochqualifizierte Arbeitskr\u00e4fte, weshalb viele gut ausgebildete Personen aus dem Ausland in die Schweiz kamen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es k\u00f6nnte jedoch sein, dass sich diese Entwicklung k\u00fcnftig verlangsamt. M\u00f6glicherweise bewegen wir uns teilweise in Richtung einer \u00dcberqualifikation. Denkbar w\u00e4re, dass Hochschulabsolventinnen und -absolventen k\u00fcnftig nicht mehr im gleichen Ausmass nachgefragt werden wie bisher, auch weil gewisse T\u00e4tigkeiten durch KI \u00fcbernommen werden k\u00f6nnten. Dadurch stellt sich die Frage, ob die starke Bildungsexpansion weiterhin im gleichen Umfang vom Arbeitsmarkt absorbiert werden kann. Es k\u00f6nnte zu einer Renaissance der Berufsbildung kommen k\u00f6nnte. Denkbar w\u00e4re etwa, dass man sich st\u00e4rker am deutschen Modell orientiert. Insbesondere in Baden-W\u00fcrttemberg machen mehr Jugendliche zun\u00e4chst das Abitur und absolvieren anschliessend eine duale Berufsausbildung in einer Unternehmung und einer Berufsakademie, typisch im Bereich BWL, Technik, Sozialwesen und Gesundheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie sich die Zukunft entwickelt, l\u00e4sst sich schwer sagen. Deshalb ist es wichtig, die Trends der Vergangenheit richtig zu verstehen \u2013 und genau das versucht die Forschung.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Oesch, D., Morris, K., &amp; Westenberger, G. J. (2025). Polarised upgrading: the changing occupational structure of large cities in Germany and the UK, 1991\u20132021. Journal for Labour Market Research, 59(1), 32.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Schweiz sehen wir ein starkes Wachstum bei den h\u00f6her qualifizierten Berufen, aber kaum Wachstum am unteren Ende. 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