{"id":4341,"date":"2026-09-30T17:04:37","date_gmt":"2026-09-30T15:04:37","guid":{"rendered":"https:\/\/thinktank-transit.ch\/?post_type=dialogue&#038;p=4341"},"modified":"2026-09-30T17:04:39","modified_gmt":"2026-09-30T15:04:39","slug":"wir-muessen-unsere-demokratiemuskeln-trainieren","status":"publish","type":"dialogue","link":"https:\/\/thinktank-transit.ch\/de\/dialogue\/wir-muessen-unsere-demokratiemuskeln-trainieren\/","title":{"rendered":"Wir m\u00fcssen unsere Demokratiemuskeln trainieren"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group is-style-default has-cyan-bluish-gray-background-color has-background is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">\u00dcber Isabel Schuler<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Isabel Schuler ist Projektleiterin bei Pro Futuris, dem Think + Do Tank der Schweizerischen Gemeinn\u00fctzigen Gesellschaft. Sie ist Co-Autorin der Studienreihe zu Polarisierung und Zusammenhalt und Co-Projektleiterin von \u00abUnternehmen f\u00fcr Demokratie\u00bb. Isabel Schuler hat in Genf, Linz und Bern Internationale Beziehungen, Politische Bildung und Politikwissenschaften studiert.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Wenn \u00fcber Polarisierung gesprochen wird, klingt das meist nach einem gesellschaftlichen Problem. Ist Polarisierung grunds\u00e4tzlich problematisch?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein. Das ist eine Unterscheidung, die uns sehr wichtig ist. Unter dem Begriff Polarisierung werden h\u00e4ufig sehr unterschiedliche Ph\u00e4nomene zusammengefasst. Politische Polarisierung bedeutet zun\u00e4chst einmal, dass Menschen unterschiedliche politische Meinungen vertreten. Diese Meinungsvielfalt ist f\u00fcr eine pluralistische Gesellschaft grunds\u00e4tzlich w\u00fcnschenswert. Unser politisches System ist ja gerade darauf angelegt, dass viele unterschiedliche Positionen vertreten werden und miteinander ausgehandelt werden m\u00fcssen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Problematisch werden kann die affektive Polarisierung. Dabei geht es nicht mehr nur darum, dass jemand eine andere Meinung hat als ich. Es geht darum, wie ich dieser Person begegne. Vereinfacht gesagt: Menschen, die meine Position teilen, finde ich sympathisch und rechne sie meiner eigenen Gruppe zu; Menschen mit einer gegenteiligen Position lehne ich ab. Und zwar unabh\u00e4ngig davon, was sie konkret sagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das l\u00e4sst sich gut mit Fussballfans vergleichen: Ich halte zu meinem Verein und finde die anderen schon deshalb unsympathisch, weil sie zum gegnerischen Verein geh\u00f6ren. In einer Demokratie wird es dann schwierig, wenn wir dieses Muster auf politische Andersdenkende \u00fcbertragen und irgendwann gar nicht mehr mit ihnen reden oder gemeinsam nach L\u00f6sungen suchen wollen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Oft ist von einer zunehmend polarisierten Gesellschaft die Rede. Trifft das auf die Schweiz zu?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das kommt darauf an, welche Polarisierung man meint. Die politische Landschaft der Schweiz bildet schon lange sehr unterschiedliche Positionen ab. Bei der affektiven Polarisierung ist die Datenlage hingegen weniger eindeutig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Langzeituntersuchung von Benjamin Jansen und Alois Stutzer zeigt beispielsweise einen Anstieg der affektiven parteipolitischen Polarisierung zwischen 1999 und 2003, aber keinen klaren weiteren Aufw\u00e4rtstrend in den folgenden zwei Jahrzehnten. Das widerspricht zumindest der einfachen Erz\u00e4hlung, wonach wir uns seit Jahren kontinuierlich immer st\u00e4rker auseinanderentwickeln.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb finde ich es wichtig, zuerst genau zu fragen: Von welcher Polarisierung reden wir eigentlich?Unterschiedliche Positionen sind noch kein demokratisches Problem. Entscheidend ist, wie wir mit diesen Unterschieden umgehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Ihr habt bei Pro Futuris in einer dreiteiligen Studienreihe untersucht, wie sich affektive Polarisierung in der Schweiz zeigt. Was hat euch dabei besonders \u00fcberrascht?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im ersten Teil haben wir acht politische Sachfragen untersucht. Die st\u00e4rkste affektive Polarisierung zeigte sich bei den Themen Zuwanderung, Pandemiemassnahmen und Unterst\u00fctzung der Ukraine. Die Befragung fand im Sommer 2024 statt. Dass Zuwanderung stark polarisiert, war nicht besonders \u00fcberraschend. Dass die Pandemiemassnahmen noch immer derart starke Emotionen ausl\u00f6sten, schon.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu diesem Zeitpunkt gab es schon lange kaum mehr Massnahmen, die die Bev\u00f6lkerung direkt betrafen. Trotzdem waren die Erfahrungen offensichtlich noch pr\u00e4sent. Die Pandemie war eben nicht nur eine gesundheitspolitische Frage. Es ging auch darum, wie viel der Staat eingreifen darf, wie pers\u00f6nliche Freiheit und kollektive Verantwortung gegeneinander abgewogen werden und wie Menschen die damaligen Konflikte erlebt haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcberraschend war f\u00fcr uns auch die andere Seite: Themen wie der Sozialstaat und seine Finanzierung, die Gleichstellung der Geschlechter oder der Schutz sexueller Minderheiten polarisierten emotional deutlich weniger. Das ist interessant, weil einige dieser Themen im \u00f6ffentlichen und medialen Diskurs sehr pr\u00e4sent sind. Eine laut gef\u00fchrte \u00f6ffentliche Debatte bedeutet also nicht automatisch, dass eine Frage auch in der Bev\u00f6lkerung besonders stark affektiv polarisiert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">In der zweiten Studie habt ihr die Sympathien und Antipathien gegen\u00fcber Parteien und ihren W\u00e4hlenden untersucht. Welche Resultate waren hier \u00fcberraschend?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Resultate zu den Parteien und ihren W\u00e4hlenden waren wenig \u00fcberraschend. Erwartungsgem\u00e4ss war die Sympathie f\u00fcr W\u00e4hler und W\u00e4hlerinnen der eigenen Partei h\u00f6her als f\u00fcr diejenigen anderer Parteien. Spannend fand ich, dass W\u00e4hler und W\u00e4hlerinnen der Partei \u00abDie Mitte\u00bb und die Partei \u00abDie Mitte\u00bb selbst von links wie von rechts tendenziell recht viel Sympathie erhielten. Umgekehrt waren die Sympathien der Mitte-W\u00e4hler und W\u00e4hlerinnen gegen\u00fcber den anderen politischen Lagern nicht im gleichen Mass hoch. Aufgefallen ist uns auch, dass tendenziell mehr Antipathie von rechts gegen\u00fcber links kam als umgekehrt. Die Ablehnungsmuster waren nicht symmetrisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was die gesellschaftlichen Gruppen angeht, die wir abgefragt haben, haben Pandemie-Massnahmegegner:innen und Klimaaktivist:innen am meisten Antipathie erhalten. Beides sind stark politisierte Gruppen, die auch medial sehr pr\u00e4sent waren. Erstaunlich war auch die hohe Antipathie gegen\u00fcber Asylbewerbenden, da sie sich \u2013 im Vergleich mit den anderen beiden Gruppen \u2013 selbst nicht unbedingt in den Vordergrund r\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Wann werden solche Antipathien zum Problem f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Antipathie allein ist noch nicht das entscheidende Problem. Ich muss nicht alle Menschen m\u00f6gen, die politisch anders denken als ich. Entscheidend wird es dort, wo ich ihnen keinen Platz mehr am Tisch zugestehen will.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im dritten Teil unserer Studie haben wir deshalb drei Haltungen n\u00e4her angeschaut: den Wert, den die Menschen dem Austausch mit Andersdenkenden beimessen, die Kompromissbereitschaft und die Frage, ob Menschen bereit w\u00e4ren, eine ihnen besonders unsympathische Partei aus dem politischen Prozess oder dem \u00f6ffentlichen Diskurs auszuschliessen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei zeigt sich eine interessante Spannung. Rund drei Viertel der Befragten sagen, dass sie den Austausch mit politisch Andersdenkenden wertvoll finden. Gleichzeitig sind mehr als ein Drittel der Ansicht, es w\u00e4re besser f\u00fcr die Schweiz, wenn die ihnen unsympathischste Partei aus dem politischen Prozess oder dem \u00f6ffentlichen Diskurs ausgeschlossen w\u00fcrde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir sehen zudem Zusammenh\u00e4nge zwischen st\u00e4rkerer affektiver Polarisierung und geringerer Wertsch\u00e4tzung des Austauschs sowie geringerer Kompromissbereitschaft und einer h\u00f6heren Bereitschaft zum Ausschluss. Wichtig ist aber: Mit unseren Daten k\u00f6nnen wir Zusammenh\u00e4nge beschreiben, keine eindeutigen Kausalit\u00e4ten. Wir wissen also nicht einfach: Das eine verursacht das andere.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Wie viel Polarisierung h\u00e4lt eine Demokratie denn aus?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich glaube, sehr viel. Eine Demokratie muss unterschiedliche Interessen, Werthaltungen und Vorstellungen aushalten k\u00f6nnen. Daf\u00fcr ist sie da. Aber wir brauchen Orte, an denen Menschen mit unterschiedlichen politischen Einstellungen und unterschiedlichen Lebensrealit\u00e4ten tats\u00e4chlich miteinander in Kontakt kommen. Und wir brauchen Formen des Austauschs, in denen nicht sofort darum gek\u00e4mpft wird, wer gewinnt und wer recht hat. Wenn politische Diskussion f\u00fcr Menschen nur bedeutet, dass sie sich anschreien, unterbrechen und m\u00f6glichst schlagfertig ihre Position verteidigen m\u00fcssen, haben viele verst\u00e4ndlicherweise keine Lust darauf. Wir m\u00fcssen erfahrbar machen, dass politische Auseinandersetzung auch freundlich und interessant sein kann. Dass man eine andere Meinung haben, einander zuh\u00f6ren und danach trotzdem noch gemeinsam einen Kaffee trinken kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Pro Futuris arbeitet mit verschiedenen Dialogformaten. Was unterscheidet einen Dialog von einer klassischen politischen Debatte?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Dialog geht es mindestens genauso stark ums Zuh\u00f6ren wie ums Reden. Bei unserem Format \u00abLasst uns reden\u00bb haben wir beispielsweise Menschen mit m\u00f6glichst unterschiedlichen Positionen zusammengebracht. Zuerst positionieren sie sich zu einer Frage, danach bilden wir Zweiergruppen mit m\u00f6glichst gegens\u00e4tzlichen Ansichten. Das anschliessende Zweiergespr\u00e4ch ist stark strukturiert: Eine Person erh\u00e4lt Zeit, ihre Sicht darzustellen, ohne sofort unterbrochen oder widerlegt zu werden. Die andere h\u00f6rt zu und kann zun\u00e4chst Verst\u00e4ndnisfragen stellen. Danach werden die Rollen gewechselt. Das klingt sehr einfach, ist aber anspruchsvoll. Denn oft h\u00f6ren wir einem anderen Menschen bereits mit der Frage im Kopf zu: Was sage ich jetzt darauf? Wie kann ich widersprechen? Wie bringe ich meine Position unter?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Dialog versuchen wir etwas anderes: Erz\u00e4hl mir, warum du so denkst. Welche Erfahrungen haben dich gepr\u00e4gt? Welche Interessen oder Bed\u00fcrfnisse stehen hinter deiner Position? Dieses Verst\u00e4ndnis macht eine andere Position viel nachvollziehbarer, und oft merkt man dabei, dass hinter gegens\u00e4tzlichen Positionen gar nicht so unterschiedliche Bed\u00fcrfnisse liegen. Auf der Oberfl\u00e4che sehen wir die Forderung oder die politische Haltung. Darunter liegen Erfahrungen, Bed\u00fcrfnisse, \u00c4ngste und Interessen. Solange wir nur auf der Ebene der Positionen bleiben, entdecken wir diese Gemeinsamkeiten nicht. Die bisherigen Durchf\u00fchrungen von \u2039Lasst uns reden\u203a zeigen, dass sich das Vertrauen in die politische Gegenseite und die Beurteilung von Andersdenkenden verbessern k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Wir m\u00fcssen also besser zuh\u00f6ren lernen. Gibt es auch etwas, das wir verlernen m\u00fcssten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht die Vorstellung, dass wir immer sofort reagieren und unsere Position verteidigen m\u00fcssen. Man sagt manchmal: H\u00f6rst du wirklich zu oder wartest du nur darauf, wieder reden zu k\u00f6nnen? Ich glaube, wir h\u00f6ren relativ selten einfach aus Interesse zu. Dabei ist genau das eine wichtige demokratische F\u00e4higkeit: eine andere Perspektive zun\u00e4chst einmal auszuhalten, ohne sie sofort bewerten oder widerlegen zu m\u00fcssen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das bedeutet nicht, dass wir alles akzeptieren oder unsere eigene Meinung aufgeben sollen. Aber Demokratie braucht eine Kultur, in der Menschen sich widersprechen k\u00f6nnen, ohne die Beziehung abzubrechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Du sprichst von demokratischen F\u00e4higkeiten. Kann man Demokratie tats\u00e4chlich lernen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unbedingt. Demokratie ist viel mehr als W\u00e4hlen und Abstimmen. Sie ist auch eine Demokratiekultur: das gemeinsame Aushandeln der Regeln unseres Zusammenlebens und die gemeinsame Suche nach L\u00f6sungen. Daf\u00fcr braucht es Kompetenzen: Kompromissf\u00e4higkeit, Perspektivenwechsel und Empathie, aber auch die F\u00e4higkeit zur Meinungsbildung und Diskussion, Medienkompetenz, politisches und sachliches Wissen sowie die Bereitschaft zur Mitgestaltung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich finde das Bild des Muskels passend. Wir k\u00f6nnen diese Dinge lernen, aber wir m\u00fcssen sie auch \u00fcben und trainieren. Nur weil wir in einer direkten Demokratie leben, k\u00f6nnen wir nicht davon ausgehen, dass uns diese F\u00e4higkeiten automatisch gegeben sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Welche Rolle k\u00f6nnte dabei die Weiterbildung spielen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn von politischer Bildung gesprochen wird, denken viele zuerst an die Schule. Das greift zu kurz. Erwachsene brauchen diese Kompetenzen genauso und m\u00fcssen sie dementsprechend trainieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sehe dabei zwei M\u00f6glichkeiten. Einerseits kann es spezifische Angebote geben, in denen solche demokratischen Kompetenzen gezielt trainiert werden: Perspektiven wechseln, zuh\u00f6ren, Kompromisse suchen, unterschiedliche Positionen aushalten. Andererseits lassen sich diese F\u00e4higkeiten auch in bestehende Weiterbildungsangebote integrieren. Allerdings bin ich bei dieser zweiten Variante etwas vorsichtig. Wenn etwas nur als Querschnittsthema mitlaufen soll, f\u00e4llt es schnell weg, sobald Zeit oder Ressourcen knapp werden. Deshalb finde ich eigenst\u00e4ndige Angebote durchaus wichtig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weiterbildung ist aber noch aus einem anderen Grund interessant: Dort kommen Erwachsene zusammen, die unterschiedliche Erfahrungen und m\u00f6glicherweise unterschiedliche politische Haltungen mitbringen. Dasselbe gilt \u00fcbrigens f\u00fcr Unternehmen. Der Arbeitsplatz ist einer jener Orte, an denen wir im Alltag Menschen begegnen, die wir uns nicht selbst ausgesucht haben. Solche Orte k\u00f6nnen deshalb auch demokratische Begegnungsr\u00e4ume sein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Muss Weiterbildung dann bewusst R\u00e4ume schaffen, in denen unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich denke schon. Aber man darf nicht untersch\u00e4tzen, was es daf\u00fcr braucht. Wenn Fronten bereits stark verh\u00e4rtet sind oder ein Konflikt eskaliert ist, reicht es nicht, Menschen einfach in einen Raum zu setzen und zu sagen: Redet miteinander. Solche Prozesse brauchen einen sehr gut moderierten und kuratierten Rahmen. Personen ohne Erfahrung in Dialog oder Mediation k\u00f6nnen dabei schnell an ihre Grenzen kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Weiterbildung stellen sich ausserdem anspruchsvolle Fragen: Was bedeutet Neutralit\u00e4t? Welche Positionen kann und will ich als Kursleitung in einem Raum halten? Wo muss ich Grenzen setzen? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Aber der Anspruch sollte sein, unterschiedlichen Perspektiven Raum zu geben und gleichzeitig einen Rahmen zu schaffen, in dem ein ernsthafter Austausch m\u00f6glich bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Wenn wir den Blick \u00fcber die Weiterbildung hinaus auf die Gesellschaft richten: Was braucht es, damit wir auch in Zukunft mit Differenzen umgehen k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt nicht die eine Massnahme. Wir m\u00fcssen an verschiedenen Orten ansetzen. Ein Punkt ist die Medienlandschaft. Polarisierende und stark emotionalisierte Inhalte erzeugen Aufmerksamkeit. Deshalb brauchen wir Medienvielfalt und journalistische R\u00e4ume, in denen auch Themen und Perspektiven Platz finden, die nicht prim\u00e4r \u00fcber Emp\u00f6rung funktionieren. Ein zweiter Punkt sind Begegnungsr\u00e4ume. Ehrenamtliches Engagement kann beispielsweise Menschen zusammenbringen, die sich sonst vielleicht nicht begegnen w\u00fcrden. In unseren Daten h\u00e4ngt ehrenamtliches Engagement unter anderem mit gr\u00f6sserer Kompromissbereitschaft zusammen; zugleich zeigt die Studienreihe Zusammenh\u00e4nge mit geringerer affektiver Polarisierung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und schliesslich braucht es Dialog. Nicht mit dem Anspruch, dass am Ende alle derselben Meinung sind. Sondern damit wir lernen, hinter Positionen wieder Menschen zu sehen. Das ist die wichtigste demokratische Kompetenz: Differenzen nicht beseitigen zu wollen, sondern handlungsf\u00e4hig zu bleiben, obwohl sie bestehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Gespr\u00e4ch mit TRANSIT erkl\u00e4rt Isabel Schuler, weshalb Zuh\u00f6ren eine demokratische Kompetenz ist, was Dialog von Debatte unterscheidet und warum gerade die Weiterbildung ein Ort sein k\u00f6nnte, an dem wir unsere \u00abDemokratiemuskeln\u00bb trainieren.<\/p>\n","protected":false},"author":25,"featured_media":4343,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"dialogue-category":[168,170,174,155,152],"dialogue-tag":[183],"class_list":["post-4341","dialogue","type-dialogue","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","dialogue-category-polarisation","dialogue-category-polarisierung","dialogue-category-politische-bildung","dialogue-category-social-inequality","dialogue-tag-isabel-schuler"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.4 - 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