Über Isabel Schuler
Isabel Schuler ist Projektleiterin bei Pro Futuris, dem Think + Do Tank der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft. Sie ist Co-Autorin der Studienreihe zu Polarisierung und Zusammenhalt und Co-Projektleiterin von «Unternehmen für Demokratie». Isabel Schuler hat in Genf, Linz und Bern Internationale Beziehungen, Politische Bildung und Politikwissenschaften studiert.
Wenn über Polarisierung gesprochen wird, klingt das meist nach einem gesellschaftlichen Problem. Ist Polarisierung grundsätzlich problematisch?
Nein. Das ist eine Unterscheidung, die uns sehr wichtig ist. Unter dem Begriff Polarisierung werden häufig sehr unterschiedliche Phänomene zusammengefasst. Politische Polarisierung bedeutet zunächst einmal, dass Menschen unterschiedliche politische Meinungen vertreten. Diese Meinungsvielfalt ist für eine pluralistische Gesellschaft grundsätzlich wünschenswert. Unser politisches System ist ja gerade darauf angelegt, dass viele unterschiedliche Positionen vertreten werden und miteinander ausgehandelt werden müssen.
Problematisch werden kann die affektive Polarisierung. Dabei geht es nicht mehr nur darum, dass jemand eine andere Meinung hat als ich. Es geht darum, wie ich dieser Person begegne. Vereinfacht gesagt: Menschen, die meine Position teilen, finde ich sympathisch und rechne sie meiner eigenen Gruppe zu; Menschen mit einer gegenteiligen Position lehne ich ab. Und zwar unabhängig davon, was sie konkret sagen.
Das lässt sich gut mit Fussballfans vergleichen: Ich halte zu meinem Verein und finde die anderen schon deshalb unsympathisch, weil sie zum gegnerischen Verein gehören. In einer Demokratie wird es dann schwierig, wenn wir dieses Muster auf politische Andersdenkende übertragen und irgendwann gar nicht mehr mit ihnen reden oder gemeinsam nach Lösungen suchen wollen.
Oft ist von einer zunehmend polarisierten Gesellschaft die Rede. Trifft das auf die Schweiz zu?
Das kommt darauf an, welche Polarisierung man meint. Die politische Landschaft der Schweiz bildet schon lange sehr unterschiedliche Positionen ab. Bei der affektiven Polarisierung ist die Datenlage hingegen weniger eindeutig.
Eine Langzeituntersuchung von Benjamin Jansen und Alois Stutzer zeigt beispielsweise einen Anstieg der affektiven parteipolitischen Polarisierung zwischen 1999 und 2003, aber keinen klaren weiteren Aufwärtstrend in den folgenden zwei Jahrzehnten. Das widerspricht zumindest der einfachen Erzählung, wonach wir uns seit Jahren kontinuierlich immer stärker auseinanderentwickeln.
Deshalb finde ich es wichtig, zuerst genau zu fragen: Von welcher Polarisierung reden wir eigentlich?Unterschiedliche Positionen sind noch kein demokratisches Problem. Entscheidend ist, wie wir mit diesen Unterschieden umgehen.
Ihr habt bei Pro Futuris in einer dreiteiligen Studienreihe untersucht, wie sich affektive Polarisierung in der Schweiz zeigt. Was hat euch dabei besonders überrascht?
Im ersten Teil haben wir acht politische Sachfragen untersucht. Die stärkste affektive Polarisierung zeigte sich bei den Themen Zuwanderung, Pandemiemassnahmen und Unterstützung der Ukraine. Die Befragung fand im Sommer 2024 statt. Dass Zuwanderung stark polarisiert, war nicht besonders überraschend. Dass die Pandemiemassnahmen noch immer derart starke Emotionen auslösten, schon.
Zu diesem Zeitpunkt gab es schon lange kaum mehr Massnahmen, die die Bevölkerung direkt betrafen. Trotzdem waren die Erfahrungen offensichtlich noch präsent. Die Pandemie war eben nicht nur eine gesundheitspolitische Frage. Es ging auch darum, wie viel der Staat eingreifen darf, wie persönliche Freiheit und kollektive Verantwortung gegeneinander abgewogen werden und wie Menschen die damaligen Konflikte erlebt haben.
Überraschend war für uns auch die andere Seite: Themen wie der Sozialstaat und seine Finanzierung, die Gleichstellung der Geschlechter oder der Schutz sexueller Minderheiten polarisierten emotional deutlich weniger. Das ist interessant, weil einige dieser Themen im öffentlichen und medialen Diskurs sehr präsent sind. Eine laut geführte öffentliche Debatte bedeutet also nicht automatisch, dass eine Frage auch in der Bevölkerung besonders stark affektiv polarisiert.
In der zweiten Studie habt ihr die Sympathien und Antipathien gegenüber Parteien und ihren Wählenden untersucht. Welche Resultate waren hier überraschend?
Die Resultate zu den Parteien und ihren Wählenden waren wenig überraschend. Erwartungsgemäss war die Sympathie für Wähler und Wählerinnen der eigenen Partei höher als für diejenigen anderer Parteien. Spannend fand ich, dass Wähler und Wählerinnen der Partei «Die Mitte» und die Partei «Die Mitte» selbst von links wie von rechts tendenziell recht viel Sympathie erhielten. Umgekehrt waren die Sympathien der Mitte-Wähler und Wählerinnen gegenüber den anderen politischen Lagern nicht im gleichen Mass hoch. Aufgefallen ist uns auch, dass tendenziell mehr Antipathie von rechts gegenüber links kam als umgekehrt. Die Ablehnungsmuster waren nicht symmetrisch.
Was die gesellschaftlichen Gruppen angeht, die wir abgefragt haben, haben Pandemie-Massnahmegegner:innen und Klimaaktivist:innen am meisten Antipathie erhalten. Beides sind stark politisierte Gruppen, die auch medial sehr präsent waren. Erstaunlich war auch die hohe Antipathie gegenüber Asylbewerbenden, da sie sich – im Vergleich mit den anderen beiden Gruppen – selbst nicht unbedingt in den Vordergrund rücken.
Wann werden solche Antipathien zum Problem für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Antipathie allein ist noch nicht das entscheidende Problem. Ich muss nicht alle Menschen mögen, die politisch anders denken als ich. Entscheidend wird es dort, wo ich ihnen keinen Platz mehr am Tisch zugestehen will.
Im dritten Teil unserer Studie haben wir deshalb drei Haltungen näher angeschaut: den Wert, den die Menschen dem Austausch mit Andersdenkenden beimessen, die Kompromissbereitschaft und die Frage, ob Menschen bereit wären, eine ihnen besonders unsympathische Partei aus dem politischen Prozess oder dem öffentlichen Diskurs auszuschliessen.
Dabei zeigt sich eine interessante Spannung. Rund drei Viertel der Befragten sagen, dass sie den Austausch mit politisch Andersdenkenden wertvoll finden. Gleichzeitig sind mehr als ein Drittel der Ansicht, es wäre besser für die Schweiz, wenn die ihnen unsympathischste Partei aus dem politischen Prozess oder dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen würde.
Wir sehen zudem Zusammenhänge zwischen stärkerer affektiver Polarisierung und geringerer Wertschätzung des Austauschs sowie geringerer Kompromissbereitschaft und einer höheren Bereitschaft zum Ausschluss. Wichtig ist aber: Mit unseren Daten können wir Zusammenhänge beschreiben, keine eindeutigen Kausalitäten. Wir wissen also nicht einfach: Das eine verursacht das andere.
Wie viel Polarisierung hält eine Demokratie denn aus?
Ich glaube, sehr viel. Eine Demokratie muss unterschiedliche Interessen, Werthaltungen und Vorstellungen aushalten können. Dafür ist sie da. Aber wir brauchen Orte, an denen Menschen mit unterschiedlichen politischen Einstellungen und unterschiedlichen Lebensrealitäten tatsächlich miteinander in Kontakt kommen. Und wir brauchen Formen des Austauschs, in denen nicht sofort darum gekämpft wird, wer gewinnt und wer recht hat. Wenn politische Diskussion für Menschen nur bedeutet, dass sie sich anschreien, unterbrechen und möglichst schlagfertig ihre Position verteidigen müssen, haben viele verständlicherweise keine Lust darauf. Wir müssen erfahrbar machen, dass politische Auseinandersetzung auch freundlich und interessant sein kann. Dass man eine andere Meinung haben, einander zuhören und danach trotzdem noch gemeinsam einen Kaffee trinken kann.
Pro Futuris arbeitet mit verschiedenen Dialogformaten. Was unterscheidet einen Dialog von einer klassischen politischen Debatte?
Beim Dialog geht es mindestens genauso stark ums Zuhören wie ums Reden. Bei unserem Format «Lasst uns reden» haben wir beispielsweise Menschen mit möglichst unterschiedlichen Positionen zusammengebracht. Zuerst positionieren sie sich zu einer Frage, danach bilden wir Zweiergruppen mit möglichst gegensätzlichen Ansichten. Das anschliessende Zweiergespräch ist stark strukturiert: Eine Person erhält Zeit, ihre Sicht darzustellen, ohne sofort unterbrochen oder widerlegt zu werden. Die andere hört zu und kann zunächst Verständnisfragen stellen. Danach werden die Rollen gewechselt. Das klingt sehr einfach, ist aber anspruchsvoll. Denn oft hören wir einem anderen Menschen bereits mit der Frage im Kopf zu: Was sage ich jetzt darauf? Wie kann ich widersprechen? Wie bringe ich meine Position unter?
Beim Dialog versuchen wir etwas anderes: Erzähl mir, warum du so denkst. Welche Erfahrungen haben dich geprägt? Welche Interessen oder Bedürfnisse stehen hinter deiner Position? Dieses Verständnis macht eine andere Position viel nachvollziehbarer, und oft merkt man dabei, dass hinter gegensätzlichen Positionen gar nicht so unterschiedliche Bedürfnisse liegen. Auf der Oberfläche sehen wir die Forderung oder die politische Haltung. Darunter liegen Erfahrungen, Bedürfnisse, Ängste und Interessen. Solange wir nur auf der Ebene der Positionen bleiben, entdecken wir diese Gemeinsamkeiten nicht. Die bisherigen Durchführungen von ‹Lasst uns reden› zeigen, dass sich das Vertrauen in die politische Gegenseite und die Beurteilung von Andersdenkenden verbessern können.
Wir müssen also besser zuhören lernen. Gibt es auch etwas, das wir verlernen müssten?
Vielleicht die Vorstellung, dass wir immer sofort reagieren und unsere Position verteidigen müssen. Man sagt manchmal: Hörst du wirklich zu oder wartest du nur darauf, wieder reden zu können? Ich glaube, wir hören relativ selten einfach aus Interesse zu. Dabei ist genau das eine wichtige demokratische Fähigkeit: eine andere Perspektive zunächst einmal auszuhalten, ohne sie sofort bewerten oder widerlegen zu müssen.
Das bedeutet nicht, dass wir alles akzeptieren oder unsere eigene Meinung aufgeben sollen. Aber Demokratie braucht eine Kultur, in der Menschen sich widersprechen können, ohne die Beziehung abzubrechen.
Du sprichst von demokratischen Fähigkeiten. Kann man Demokratie tatsächlich lernen?
Unbedingt. Demokratie ist viel mehr als Wählen und Abstimmen. Sie ist auch eine Demokratiekultur: das gemeinsame Aushandeln der Regeln unseres Zusammenlebens und die gemeinsame Suche nach Lösungen. Dafür braucht es Kompetenzen: Kompromissfähigkeit, Perspektivenwechsel und Empathie, aber auch die Fähigkeit zur Meinungsbildung und Diskussion, Medienkompetenz, politisches und sachliches Wissen sowie die Bereitschaft zur Mitgestaltung.
Ich finde das Bild des Muskels passend. Wir können diese Dinge lernen, aber wir müssen sie auch üben und trainieren. Nur weil wir in einer direkten Demokratie leben, können wir nicht davon ausgehen, dass uns diese Fähigkeiten automatisch gegeben sind.
Welche Rolle könnte dabei die Weiterbildung spielen?
Wenn von politischer Bildung gesprochen wird, denken viele zuerst an die Schule. Das greift zu kurz. Erwachsene brauchen diese Kompetenzen genauso und müssen sie dementsprechend trainieren.
Ich sehe dabei zwei Möglichkeiten. Einerseits kann es spezifische Angebote geben, in denen solche demokratischen Kompetenzen gezielt trainiert werden: Perspektiven wechseln, zuhören, Kompromisse suchen, unterschiedliche Positionen aushalten. Andererseits lassen sich diese Fähigkeiten auch in bestehende Weiterbildungsangebote integrieren. Allerdings bin ich bei dieser zweiten Variante etwas vorsichtig. Wenn etwas nur als Querschnittsthema mitlaufen soll, fällt es schnell weg, sobald Zeit oder Ressourcen knapp werden. Deshalb finde ich eigenständige Angebote durchaus wichtig.
Weiterbildung ist aber noch aus einem anderen Grund interessant: Dort kommen Erwachsene zusammen, die unterschiedliche Erfahrungen und möglicherweise unterschiedliche politische Haltungen mitbringen. Dasselbe gilt übrigens für Unternehmen. Der Arbeitsplatz ist einer jener Orte, an denen wir im Alltag Menschen begegnen, die wir uns nicht selbst ausgesucht haben. Solche Orte können deshalb auch demokratische Begegnungsräume sein.
Muss Weiterbildung dann bewusst Räume schaffen, in denen unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen?
Ich denke schon. Aber man darf nicht unterschätzen, was es dafür braucht. Wenn Fronten bereits stark verhärtet sind oder ein Konflikt eskaliert ist, reicht es nicht, Menschen einfach in einen Raum zu setzen und zu sagen: Redet miteinander. Solche Prozesse brauchen einen sehr gut moderierten und kuratierten Rahmen. Personen ohne Erfahrung in Dialog oder Mediation können dabei schnell an ihre Grenzen kommen.
Für die Weiterbildung stellen sich ausserdem anspruchsvolle Fragen: Was bedeutet Neutralität? Welche Positionen kann und will ich als Kursleitung in einem Raum halten? Wo muss ich Grenzen setzen? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Aber der Anspruch sollte sein, unterschiedlichen Perspektiven Raum zu geben und gleichzeitig einen Rahmen zu schaffen, in dem ein ernsthafter Austausch möglich bleibt.
Wenn wir den Blick über die Weiterbildung hinaus auf die Gesellschaft richten: Was braucht es, damit wir auch in Zukunft mit Differenzen umgehen können?
Es gibt nicht die eine Massnahme. Wir müssen an verschiedenen Orten ansetzen. Ein Punkt ist die Medienlandschaft. Polarisierende und stark emotionalisierte Inhalte erzeugen Aufmerksamkeit. Deshalb brauchen wir Medienvielfalt und journalistische Räume, in denen auch Themen und Perspektiven Platz finden, die nicht primär über Empörung funktionieren. Ein zweiter Punkt sind Begegnungsräume. Ehrenamtliches Engagement kann beispielsweise Menschen zusammenbringen, die sich sonst vielleicht nicht begegnen würden. In unseren Daten hängt ehrenamtliches Engagement unter anderem mit grösserer Kompromissbereitschaft zusammen; zugleich zeigt die Studienreihe Zusammenhänge mit geringerer affektiver Polarisierung.
Und schliesslich braucht es Dialog. Nicht mit dem Anspruch, dass am Ende alle derselben Meinung sind. Sondern damit wir lernen, hinter Positionen wieder Menschen zu sehen. Das ist die wichtigste demokratische Kompetenz: Differenzen nicht beseitigen zu wollen, sondern handlungsfähig zu bleiben, obwohl sie bestehen.
