Politische Bildung für eine solidarische Lebensweise

Der Politikwissenschafter Ulrich Brand verknüpft die Klimakrise mit einer Lebensweise, die er als imperial bezeichnet. Sie zu überwinden und zu einer Lebensweise zu finden, die die Folgen des Fossilismus nicht weiterhin einfach nur zeitlich und räumlich abschiebt, also externalisiert, hält er für unumgänglich. Individuelles, aber vor allem auch gesellschaftliches Lernen sind dafür zentrale Voraussetzung.

Über Ulrich Brand

Ulrich Brand ist Professor für internationale Politik an der Universität Wien. Seine Forschungsgebiete sind die Krise der liberalen Globalisierung, internationale Umwelt- und Ressourcenpolitik, sozial-ökologische Transformationsprozesse, Lateinamerika und die imperiale Lebensweise. Zusammen mit Markus Wissen, Professor für Gesellschaftswissenschaften an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, hat er 2024 das Buch «Kapitalismus am Limit» geschrieben. Es folgte auf das Buch «Imperiale Lebensweise» derselben Autoren, das es auf die Bestsellerliste des Spiegels schaffte und inzwischen in 13 Sprachen übersetzt wurde.

Ihr 2024 erschienenes Buch, das Sie zusammen mit dem Gesellschaftswissenschafter Markus Wissen verfasst haben, trägt den Titel „Kapitalismus am Limit“. Sie meinten damit kaum die Wachstumskrise der westeuropäischen Länder, nehme ich an?

Ulrich Brand: Die Klimakrise ist ein Game-Changer. Der moderne Kapitalismus muss sich darauf einstellen, dass die immer drastischer werdenden Wetterereignisse eine Stabilisierung erschweren. Die Kosten, die das Bewältigen und Beseitigen der Folgen dieser Ereignisse verursachen, werden immer höher.
Bisher hat der Kapitalismus bzw. die ihn steuernden wirtschaftlichen und politischen Kräfte sehr darauf basiert, dass die negativen Folgen stark externalisiert wurden, räumlich in andere Regionen und zeitlich in die Zukunft. Durch die Konkurrenz der aufstrebenden Länder, vor allem von China, aber auch von Indien und anderen, ist diese Selbstverständlichkeit der alten Industrieländer, räumlich zu externalisieren, in Frage gestellt. Die Externalisierung findet zwar weiterhin statt. Aber sie wird stärker umkämpft.

Schliesslich haben wir die Erfahrung gemacht, dass die dominanten Kräfte in tiefen Krisen des Kapitalismus in der Lage waren, Erneuerungsprozesse anzustossen, oft durch heftige Erschütterungen wie Faschismus und den Zweiten Weltkrieg. Solche Erneuerungen waren zum Beispiel der Aufschwung ab den 1950er Jahren oder die neoliberale Globalisierung ab den 1970er Jahren. Diese Fähigkeit zur Restrukturierung ist nicht mehr sichtbar. Wir werden viel eher in einer Dauerkrise verharren.

Heisst das, wir sind an einem Kipppunkt angelangt?

Mit „Kapitalismus am Limit“ meinen wir nicht, dass es sozusagen einen Kipppunkt gibt, dass also der Kapitalismus zusammenbricht. Aber er wird autoritärer, es wird umkämpfter, wenn es etwa darum geht, wer wieviel CO2 emittieren kann.

Wir propagieren vielmehr einen Kollapsbegriff, wonach Versorgungssysteme wie Landwirtschaft oder Mobilitätsinfrastrukturen durch Katastrophen wie Dürren oder Hochwasser zeitweise unterbrochen werden. Die Ressourcen, die aufgewendet werden müssen, um diese Systeme wieder herzustellen, wachsen stetig.

Im Zusammenhang mit der Externalisierung der Folgen des Kapitalismus benutzen Sie auch den Begriff der Imperialen Lebensweise. Was verstehen Sie darunter?

Wir haben 2009, 2010, also nicht zufällig in der Folge der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise, mit der Ausarbeitung des Begriffs begonnen. Mit der Imperialen Lebensweise wollen wir anzeigen, dass neben den Strategien von mächtigen Akteuren wie Regierungen oder Konzernen die Expansion des Kapitalismus ganz stark damit zusammenhängt, dass sie im Alltag der Menschen stattfindet, und zwar auch im Arbeitsalltag. Es ist damit nicht bloss eine Konsumkritik gemeint. Die Menschen sind lohnabhängig und arbeiten in der Autoindustrie oder im Flugverkehr oder anderen Sektoren, die mit starken Emissionen verbunden sind. Und sie reproduzieren sich über Lebensmittel, die kapitalistisch produziert werden, oder sie kaufen Kleider, die anderenorts unter kritischen Bedingungen hergestellt werden.

Imperial bedeutet in unserem Verständnis nicht imperialistisch als politische Strategie, sondern ein Ausgreifen auf billige Natur und billige Arbeitskraft andernorts – in der eigenen Gesellschaft oder weltweit.

Diese imperiale Lebensweise ist zum Muster auch für aufstrebende Volkswirtschaften wie China oder Indien geworden. Warum überhaupt?

Im Alltag von vielen Menschen ist diese imperiale Produktions- und Lebensweise sehr attraktiv. Sie ermöglicht höhere Arbeitsproduktivität und damit Gehälter und mehr Konsum. Natürlich ist sie auch zerstörerisch. Aber angesichts der multiplen Krisen wirkt sie wie ein Versprechen, eben diese Krisen zu lösen; zum Beispiel werden über den Fossilismus eines Donald Trump die Verhältnisse stabilisiert. Gleichzeitig verschärft sie damit die Krisen auch. Gerade diese Dialektik denken wir mit dem Begriff.

Imperialismus bezeichnet eine politische Strategie oder eine historische Epoche. Ist die Verwendung des Begriffs in Bezug auf eine Lebensweise nicht irreführend?

Neben den machtvollen Interessen und Imperativen wie Wachstum und Kapitalakkumulation, die im Kapitalismus wirken, ist es eben auch wichtig, die Subjektivität der Menschen in den Blick zu nehmen. Das leistet der Begriff der imperialen Lebensweise und stösst damit auch die Diskussion an.

Der Begriff macht etwas mit einem. Er wird im zivilgesellschaftlichen Spektrum – in kirchlichen Foren, in Schulen, in der politischen Bildung – stark rezipiert, weil er offensichtlich berührt.

Aber wir schreiben uns schon auch in eine Imperialismusdiskussion ein, und zwar eher auf der Linie von Rosa Luxemburg, die gesagt hat, Kapitalismus braucht für seine eigene Reproduktion ein Äusseres. Sich ein Äusseres einzuverleiben ist im Sinne von Rosa Luxemburg ein wesentliches Kennzeichen des Imperialismus. Andere haben das auch als «Landnahme» bezeichnet. Wir haben dieses Imperialismus-Verständnis nicht nur auf die Produktionsweise, sondern auch auf die Lebensweise angewendet, wie es bei Rosa Luxemburg und anderen nicht der Fall war.

Wir wurden auch gefragt, warum wir nicht einfach von kapitalistischer Lebensweise sprechen. Ja, die Lebensweise ist kapitalistisch. Aber die Semantik von «imperial» hat eben dieses Ausgreifende, dass etwas anderes beherrscht wird. Deshalb ist der Begriff in der Diskussion so sehr wirksam.

Die imperiale Lebensweise scheint ungeheuer attraktiv zu sein. Ist sie gar alternativlos?

Sie hat erst einmal etwas Praktisches an sich, sie wird alltäglich gelebt, muss gelebt werden. Sie ist ein Zwang, der aber nicht als Zwang empfunden wird, wenn ich auf dem Land ohne öffentliche Verkehrsanbindung lebe und ein Auto brauche; wenn ich im Statuskonsum gefangen bin. Die Selbstverständlichkeit, billiges Fleisch zu bekommen, ein Auto zu besitzen, bei entsprechenden Einkommen zu fliegen – all dem wohnt etwas Attraktives inne; es ist bequem und materiell wohlständisch. Was wir also verstehen wollen, ist die Subjektivität neben den machtvollen Interessen der grossen Akteure. Wir betonen aber auch, dass die imperiale Lebensweise auf höchst ungleichen Verhältnissen entlang von Klassen-, Geschlechter- und rassifizierten Strukturen basiert und diese auch stabilisiert.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich würde sagen, die imperiale Lebensweise ist nicht alternativlos. Sie scheint alternativlos. Doch kritische Analyse und nicht zuletzt politische Bildung ermöglichen es, über Alternativen nachzudenken.

Es nützt nichts zu moralisieren. Wir brauchen ein anderes Wohlstandsmodell, müssen also andere Bedingungen schaffen im Bereich von Mobilität, Ernährung, Kleidung. Wir brauchen damit auch Regeln wie etwa andere Lieferkettengesetze oder ein gerechteres Steuersystem. Aber das ist genau auch das Einfallstor der politischen Rechten, die gleich von Bevormundung und Einschränkung der Freiheit spricht.

Als Alternative sozusagen ohne Verzicht auf Wohlstand wird die ökologische Modernisierung gehandelt. Diese sehen Sie aber ebenfalls skeptisch.

Zunächst einmal ist eine solche Modernisierung wichtig, vor allem wenn es um eine konsequente Dekarbonisierung des Energiesektors und um einen drastischen Rückgang des Rohstoffverbrauchs geht. Doch die dominanten Formen der ökologischen Modernisierung greifen zu kurz. Es ist oft das Versprechen, dass die Technologie das Problem lösen wird. Aber das ist ein Trugschluss. Zunächst einmal stellt sie die Machtverhältnisse nicht in Frage. Wenn wir von einer Produktions- und Lebensweise sprechen, müssen wir erkennen, dass mit fossilem Kapitalismus sehr viel Geld verdient wird. Aus unserer Sicht aber braucht es diese Infragestellung des fossilen Kapitals, der fossilen Investitionen und – was vielleicht das Schwierigste ist – es braucht eine Infragestellung der imperialen Produktions- und Lebensweise.

Die ökologische Modernisierung reproduziert auch ein falsches Bild, dass nämlich mit dem Anstieg der erneuerbaren Energien die fossilen zurückgedrängt würden. Es ist aber anders: In seinem Buch «More and More and More» sagt der französische Umwelthistoriker Jean-Baptiste Fressoz, dass alternative Energiequellen die fossilen deshalb nicht ersetzen werden, weil der Energiehunger zu gross ist, der Verbrauch mit Digitalisierung, KI und Elektrifizierung immer weiter steigt. Das politisch völlig unverdächtige Energie-Institut mit Sitz in London hat im jüngsten Jahresbericht gezeigt, dass weltweit immer noch 87 Prozent der Energie aus fossilen Energieträgern gewonnen wird (https://www.energyinst.org/statistical-review).

Sie schlagen selbst eine Alternative vor, die Sie die Solidarische Lebensweise nennen. Was ist darunter zu verstehen?

Das ist ein weites, spannendes und wichtiges Feld und ich nenne nur Stichworte, weil wir in beiden Büchern ausführlich darauf eingehen. Markus Wissen und ich kommen aus der politischen Ökologie, einer kritischen Strömung der Nachhaltigkeitsforschung. Da gibt es den wichtigen Begriff der Versorgungsfelder. Dabei schauen wir uns die ökonomischen, politischen, subjektiven, kulturellen Aspekte einer Gesellschaft an, die stark von kapitalistisch-imperialen und patriarchalen Kräften geformt werden, aber auch ihre materiell-biophysischen Aspekte. Wir zoomen in diese einzelnen Aspekte rein und fragen: Wie sieht das Mobilitätssystem, das Ernährungssystem, das Kommunikationssystem, das System von Kleidung, von Wohnen aus? Wie ist das Stadt-Land-Verhältnis organisiert? Wenn wir diese Bereiche konkret anschauen, stossen wir auf sehr viele Alternativen. Wir wissen, wie eine gute, nachhaltige Mobilität mit öffentlichem Verkehr aussehen könnte. Wir wissen, dass die industrielle Fleischproduktion ein Mega-Treiber der Landzerstörung und des Klimawandels ist und so weiter. Das ist wie ein Puzzle und da kommt schon sehr viel zusammen.

Als zweites würden wir an die Stelle der profitorientierten Produktion eine Produktion setzen wollen, die sich am Gebrauchswert orientiert, und auch im Konsum stark auf den Gebrauchswert setzen. Das heisst, es wird neben dem öffentlichen Sektor immer noch privatwirtschaftlich produziert. Es geht nicht um die komplette Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln oder darum, dass der Staat alles richten soll. Aber die enorme Dominanz des Profits um des Profits willen würde stark eingeschränkt werden. Und damit sind wir durchaus bei Fragen, wer über die grossen Vermögen und Investitionen verfügt, inwiefern – das sehen wir aktuell in den USA sehr deutlich – wirtschaftliche Macht sich in politische Macht übersetzt. Dem muss Einhalt geboten werden.

Können Sie ein Beispiel geben?

Ich mache es mal an der Kleidung fest. Es soll weiterhin Mode geben, weiterhin Innovation. Aber es soll keine Produktion nur um der Produktion willen geben, keine Fast-Fashion, die dazu führt, dass einfach gigantische Mengen hergestellt werden, die ungenutzt oder nach wenigen Nutzungen dann gleich wieder auf dem Müll landen. Wenn wir in komplexen und durchaus auch konfliktiven Prozessen beschliessen, dass Kleidung etwas Wertvolles ist, könnte man zunächst entsprechende Rahmenbedingungen schaffen. Etwa höhere Steuern auf die Produktion von Baumwolle oder chemisch hergestellte Materialien, gute Arbeitsbedingungen für diejenigen, die die Baumwolle ernten, die den Vertrieb organisieren und letztlich die Kleidung herstellen. Man könnte jene Unternehmen, die nachhaltig produzieren, besserstellen – über Preise, über Labels, vielleicht auch über Zuschüsse für eine bestimmte Übergangszeit. Aber es bräuchte auch einen kulturellen Wandel bei den Konsumentinnen und Konsumenten. Man würde Kleidung wieder länger tragen, wie es noch bei unserer Elterngeneration der Fall war, und bei Bedarf flicken. Es gäbe viel mehr Tauschbörsen für Kleidung und das wäre richtig cool. Aber damit hängen eben knallharte Machtfragen zusammen. Und auch für die Länder, in denen die Fast-Fashion produziert wird, bedeutete dies einen Übergang, der gesteuert und begleitet werden muss, damit die Menschen nicht über Nacht arbeitslos werden.

Die EU wird eine Drei-Euro-Importsteuer auf kleine Pakete mit einem Warenwert von weniger als 150 Euro als Instrument gegen die Paketflut einführen. Ist das ein solches Instrument, wie es Ihnen vorschwebt?

Ja, durchaus. Das politische Ziel ist: Weniger Kleidung, um bei unserem Beispiel zu bleiben, und die soll ökologisch nachhaltig produziert werden. Und das kann über Abgaben durchaus gesteuert werden, gerade angesichts der absurden Dynamik der letzten Jahre. Aber das sind Prozesse, die bei uns, international und auch in den betroffenen Ländern stattfinden müssen.

Aber hängt letztlich nicht alles an der Nachfrage?

Nein, die Musik spielt vielmehr auf der Produktionsseite. Dennoch: Die Nachfrage ändert sich, wenn etwas unattraktiv wird, wenn also Fast-Fashion-Produkte dreimal teurer werden als nachhaltig und fair produzierte Kleidung. Oder weil man erkennt, dass Fast-Fashion giftige Stoffe enthält. Bei Spielzeugen funktioniert das ja. Gewisse Spielzeuge sind nicht mehr zulässig, weil sie giftig sind.

Wir dürfen nicht drumherum reden. Es reicht nicht, wenn alle jungen Leute sich nur noch in Tauschbörsen versorgen. Es ist auch eine Frage von Regulierung, von politischem Willen, von Lieferkettengesetzen. Es geht darum, dass Fast-Fashion gar nicht mehr produziert wird.

Das ist in einer Wachstumsgesellschaft zunächst sehr schwer sich vorzustellen. Deshalb geht das nicht von jetzt auf gleich. Das ist ein riesiges Programm, und es muss zunächst einmal viel experimentiert werden. Das Gleiche gilt beim Ausbau des Mobilitätssystems. Will man neue Autobahnen bauen oder den öffentlichen Verkehr erweitern?

Da sind wir wieder bei der Frage der Versorgungsfelder. Sie hängt mit politischen Entscheidungen zusammen, aber auch mit persönlichen Entscheidungen der Nutzerinnen und Nutzer.

Die Einschränkung von Konsum oder der Möglichkeit, sein Auto überall hinfahren zu dürfen, wird reflexartig als Beschneidung der individuellen Freiheit empfunden. Was halten Sie dem entgegen?

Wir brauchen ein neues Freiheitsverständnis. Von der Freiheit, machen zu können, was man will – vorausgesetzt man verfügt über genügend Geld –, müssen wir zu einem positiven Freiheitsbegriff gelangen, der immer auch die Freiheit des anderen einklammert – neben dem Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Es ist eine Freiheit zur Zukunft oder, wie es die Philosophin Eva von Redecker formuliert hat, eine Bleibefreiheit. Ein schöner Begriff, wie ich finde, der nicht nur ein räumliches, sondern ein zeitliches Bleiben meint.  Wenn wir auf diesem Planeten bleiben wollen, müssen wir weg von diesem dauernd Expansiven, dauernd Ausgreifenden, das ja vielfach zerstörerisch ist. Damit kann dem völlig verengten und brutalen Verständnis von Freiheit etwas entgegengesetzt werden: Der Illusion, man sei ein autonomes Individuum und könne machen, was man wolle. Auf der Grundlage dieser Illusion wird die Absenkung von sozialen und ökologischen Standards begründet – in Deutschland zum Beispiel der Verzicht auf Tempolimits auf Autobahnen. Alle wissen, dass dies sinnvoll wäre, es wird aber als vermeintliche Einschränkung von Freiheit skandalisiert.

Kann die Vernunft gegen die emotionale Kraft, die diesem expansiven Verständnis von Freiheit innewohnt, ankommen?

An der Vernunft würde ich erst einmal festhalten. Wenn wir Erkenntnisse und Erfahrungen ernst nehmen, vor allem auch wissenschaftliche, und Werte einführen wie soziale Gerechtigkeit, dann ist eine vernünftige Politik weiterhin angesagt. Der dominante Politikmodus ist zwar zurzeit sehr stark einer der Irrationalität. Aber es sind politische Kämpfe um Rahmenbedingungen im Gange, damit eben eine andere Lebensweise und anderer Wohlstand möglich sind. Und auch auf der Ebene der Subjektivität oder des Bewusstseins, wenn man so will, finden Lernprozesse statt, die Einsichten erzeugen, die Menschen persönlich oder in ihrem beruflichen Umfeld anders handeln lassen. Dennoch benötigt auch vernünftige Politik Emotion, da stimme ich zu.

Die Politik eines Trump bezeichnen Sie auch als fossilen Faschismus. Das klingt eher nach Ideologie. Ist dieser mit Rationalität tatsächlich beizukommen?

Die Diskussion ist ja aktuell sehr intensiv. Macht der Faschismusbegriff im Sinne eines etablierten Systems Sinn, um aktuelle Tendenzen zu verstehen? Ich finde ihn hilfreich, würde aber eher die aktuellen Dynamiken verstehen wollen und ziehe den Begriff der Faschisierung vor. Grundlage von Machthabern wie Trump oder Putin ist das fossile Energiesystem und das fossile Kapital. Sie agieren deshalb nicht umsonst gegen die globale Dekarbonisierung.

Diese Faschisierung wird nun kurzgeschlossen mit der imperialen Lebensweise, die als «America First!» verteidigt werden soll, die das grosse Steak einschliesst oder das Verbrennerauto. Sie manifestiert sich in einer Art von Männlichkeit, die die amerikanische Politikwissenschaftlerin Cara Daggett als Petromaskulinität bezeichnet hat. Aber sie steht, wie gesagt, in Verbindung mit handfesten materiellen, politischen und wirtschaftlichen Interessen.

Wenn es darum geht, faschistoiden Tendenzen zu begegnen, kommt sehr schnell die Bildung ins Spiel. Welche Rolle messen Sie ihr zu und welche Art von Bildung ist dazu angetan, die Lebensweise der Menschen zu ändern?

Wie der Intellektuelle und Politiker Antonio Gramsci vor 100 Jahren gesagt hat: Der Alltagsverstand der Menschen ist erst einmal widersprüchlich. Die Menschen sind nicht alle nur neoliberal oder patriarchal gebürstet. Es gibt Widersprüche in der Weltauffassung und Alltagspraxis und diese bilden einen wichtigen Ansatzpunkt für Bildungsprozesse. Zum Beispiel die Tatsache, dass es mir gut geht, aber andern nicht, dass die Welt ungerecht ist – das berührt viele, auch wenn sie wenig dagegen machen können. Das hat mit Empathie zu tun, aber auch mit dem Wissen über Verhältnisse und deren Einordnung. Da spielen Begriffe eine wichtige Rolle, etwa gemeine Metaphern wie «die Armen sind an ihrem Schicksal selbst schuld», «die Arbeitslosen sind faul» oder «Flüchtlingswelle». Dem können wir solidarische Begriffe entgegensetzen wie «Gutes leben für alle», «die Stadt für die Vielen» oder «kein Milliardär hat sein Geld selbst verdient». Aber beim Begreifen der Welt sind es dann Begriffe, die Widersprüche zulassen, eben wie jener der imperialen Lebensweise.

Ein anderes Thema für die Bildung: Wie verstehen wir Gesellschaft? Ist es eine Ansammlung von Individuen, die ihren Nutzen maximieren wollen, wie uns das neoliberale Denken vorgeben möchte? Dem würde ich entgegenhalten: Gesellschaft organisiert sich sehr stark über kollektive Interessen und über kollektive Akteure, also über Unternehmen, über staatliche Institutionen, über Verbände, natürlich auch über Protestbewegungen. In Vereinen wird sehr viel Alltag verhandelt. Gesellschaften stellen sich sehr stark kollektiv her. Die Relevanz von Klimakrise, von Geschlechtergerechtigkeit oder die gerechte Behandlung von Flüchtlingen etwa muss nicht nur bei Individuen ankommen, sondern in der Öffentlichkeit. Sie muss in organisierten Interessen verhandelt werden. In diesem Sinn muss Bildung – und ich schliesse da Erwachsenenbildung mit ein – in einem sehr umfassenden Sinn betrachtet werden, über die Grenzen eines Seminarraums hinaus.

Aber die konkrete Lernsituation bietet ebenfalls Chancen. Viele Lernende haben wohl mit der Klimakrise persönlich gar nicht viel zu tun. Aber die Lernsituation schafft die Möglichkeit zu reflektieren, was sie gesellschaftlich bedeutet. Die Lernsituation kann Impulse geben, Akzente setzen. Das ist, glaube ich, Teil eines lebenslangen Lernens, weil immer wieder im Lichte gesellschaftlicher Entwicklungen und eigener Erfahrungen reflektiert werden muss.

Wenn Sie von kollektiver Auseinandersetzung mit Problemen sprechen, ist das gewissermassen gesellschaftliches Lernen. Nun gibt es durchaus Tendenzen, die der imperialen Lebensweise den Rücken kehren. Das Lernen findet offenbar statt. Aber ist das Tempo ausreichend?

Aktuell nicht. Davon bin ich überzeugt. Und ich bin auch ratlos. Gerade scheinen das fossile Kapital und seine politischen Verbündeten am Drücker zu sein und deren Macht wird von vielen Menschen begrüsst oder zumindest passiv hingenommen. Wir sehen das nicht allein in den USA. Die deutsche Wirtschaftsministerin war als Lobbyistin tätig und ist bis heute eng mit der fossilen Energiewirtschaft verbunden.

Wir brauchen wohl verstärkt so etwas wie gesellschaftliche Konflikte, um progressive sozial-ökologische Anliegen zu formulieren und gegen mächtige Interessen zu stärken. Die Fridays for Future waren am Ende zwar politisch nicht sehr erfolgreich, aber sie haben die Gesellschaft wachgerüttelt. In Berlin gibt es die wichtige Kampagne «Deutsche Wohnen & Co enteignen», die die Macht der Immobilienkonzerne einschränken will. Das hat Alltagsdiskussionen ermöglicht und auch politische Auseinandersetzungen. Aber bin ich heute viel skeptischer bei der Klimapolitik. Den Einstieg in den Umstieg erneut zu schaffen, nachdem die fossilen Kräfte wieder dominieren, ist schwieriger geworden.

Man könnte es ja auch so sehen: Was gerade geschieht, ist ein letztes Aufbäumen der fossilen Lebensweise, eine Art fossile Nostalgie.

Ich würde mir wünschen, dass in fünf Jahren alles vorbei ist. Aber ich sehe es nicht.

Wollen Sie eine Prognose stellen, wo wir in fünf Jahren stehen?

Ich gehe davon aus, dass der Fossilismus zu mehr Kollapsen führen wird im Sinne des zeitweisen Zusammenbrechens von Versorgungssystemen. In dieser Situation braucht es dann Prozesse und Angebote sowohl gesellschaftlichen wie institutionalisierten Lernens. Dabei geht es nicht nur um die Wiederherstellung, sondern um die Veränderung hin zu einer solidarischen und ökologisch nachhaltigen Produktions- und Lebensweise.


Literatur des Autors

Ulrich Brand, Markus Wissen. Kapitalismus am Limit. Oekom Verlag. 2024

Ulrich Brand, Markus Wissen. Imperiale Lebensweise. Oekom Verlag. 2017. (siehe auch: https://imperiale-lebensweise.de/)

Lara Kierot, Ulrich Brand, Dirk Lange (Hrsg.). Solidarität in Zeiten multipler Krisen. Imperiale Lebensweise und Politische Bildung. Springer VS 2023.

Weitere aufgeführte Literatur

Cara New Daggett. Petromaskulinität. Matthes & Seitz Berlin. 2023.

Jean-Babtiste Fressoz. More and More and More. Penguin Books. 2024.

Eva von Redecker. Bleibefreiheit. S Fischer Verlag. 2023.