Lässt sich Zukunft lernen?


Wie lässt sich Zukunft nicht nur denken, sondern lernen? Der Beitrag zu Futures Literacy im aktuellen Heft «weiter bilden» zeigt, warum unsere Vorstellungen von Zukunft entscheidend sind und wie sie sich bewusst reflektieren und weiterentwickeln lassen. Ein Impuls für die TRANSIT-Community.

TRANSIT versteht sich als Ort für Zukunftsfragen. In unseren Projekten, Diskussionen und Publikationen geht es im Kern jeweils darum, gesellschaftliche Entwicklungen zu verstehen und Perspektiven für die Weiterbildung zu entwickeln. Zukunft ist für uns dabei ein Arbeitsfeld: etwas, über das man nachdenken, debattieren und gemeinsam visionieren kann.

Umso spannender ist ein Blick in die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift «weiter bilden» (DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung), die sich genau diesem Thema widmet. Unter dem Schwerpunkt „Zukünfte“ versammelt sie Beiträge aus der Weiterbildung darüber, wie Bildung Menschen befähigen kann, mit Unsicherheit, Wandel und offenen Zukunftsräumen umzugehen.

Alle Beiträge im Heft sind lesenswert. Sie greifen unterschiedliche Aspekte des Themas auf, die von historischen Perspektiven bis hin zu bildungsphilosophischen Fragen reichen. In diesem Short Post möchte ich mich jedoch auf einen Text konzentrieren, der für die Arbeit von TRANSIT besonders interessant ist: den Beitrag „Futures Literacy: Kompetenzbasierter Umgang mit dem offenen Morgen“ von Angelika Neudecker und Stefan Bergheim.

Zukunft als Kompetenz

Die Autorin und der Autor gehen zunächst auf das Konzept der Futures Literacy ein, das vom Zukunftsforscher Riel Miller geprägt wurde. Futures Literacy bezeichnet die Fähigkeit, bewusst mit verschiedenen möglichen Zukünften umzugehen. Dabei geht es weniger darum, Prognosen zu erstellen oder die Zukunft möglichst genau vorherzusagen. Vielmehr steht im Zentrum, Zukunftsvorstellungen selbst zum Gegenstand des Lernens zu machen. Denn jede Entscheidung, die Menschen treffen, basiert auf Annahmen über die Zukunft. Oft bleiben diese Annahmen jedoch implizit. Futures Literacy versucht, diese Bilder sichtbar zu machen, zu hinterfragen und bewusst weiterzuentwickeln.

Neudecker und Bergheim beschreiben Futures Literacy als eine Kompetenz, die es ermöglicht, Zukunft als Denk- und Gestaltungsraum zu nutzen. Sie verbindet sechs Teilkompetenzen miteinander:

  1. Komplexitäts- und Unsicherheitskompetenz – die Fähigkeit, mit der Offenheit und Unvorhersehbarkeit zukünftiger Entwicklungen umzugehen.
  2. Multiple-Zukünfte-Kompetenz – die Fähigkeit, mehrere unterschiedliche mögliche Zukünfte gleichzeitig denken und vergleichen zu können.
  3. Imagination- und Annahmenkompetenz – das Bewusstsein für die Rolle von Zukunftsvorstellungen sowie für die Annahmen und Modelle, auf denen sie beruhen.
  4. Neu-Rahmen- und Experimentierkompetenz – die Fähigkeit, bestehende Annahmen zu verändern, neu zu kombinieren und dadurch alternative Zukunftsbilder zu entwickeln.
  5. Neues-und-Emergenz-Kompetenz – die Fähigkeit, aus der Gegenüberstellung verschiedener Zukunftsbilder neue Ideen und Perspektiven für die Gegenwart entstehen zu lassen.
  6. Wirkungs- und Handlungskompetenz – die Fähigkeit, aus diesen Erkenntnissen konkrete Schritte abzuleiten und Zukunftsperspektiven im Handeln der Gegenwart zu verankern.

Für die Transit-Community dürfte dieser Ansatz nicht völlig neu klingen. In unserem Trendbericht «Future Skills und die Zukunft der Weiterbildung» haben wir uns ebenfalls mit dem Konzept der Futures Literacy beschäftigt. Dabei wurde deutlich, dass vielen Future-Skills-Rahmenwerken bestimmte Zukunftsvorstellungen und Annahmen zugrunde liegen, die jedoch nicht immer explizit gemacht werden.

Das zeigt, dass es bei einer Auseinandersetzung mit Future Skills nicht nur um einzelne Skills oder Kompetenzen geh, sondern auch darum, Annahmen explizit zu machen, sie kritisch zu hinterfragen und über alternative Zukunftsbilder nachzudenken. Damit dies gelingen kann, braucht es Futures Literacy. Das Konzept erinnert uns daran, dass Zukunft nicht nur ein Gegenstand von Analyse ist, sondern auch ein Produkt unserer Vorstellungen. Unterschiedliche Zukunftsbilder führen zu unterschiedlichen Entscheidungen in der Gegenwart. Wenn wir diese Bilder aufdecken, können wir auch bewusster mit ihnen umgehen.

Zukünftelabore: Zukunft gemeinsam denken

Doch wie gelingt es, Zukunftsbilder zu reflektieren und zugrunde liegende Annahmen zu hinterfragen? Neudecker und Bergheim zeigen in ihrem Beitrag, wie sich Futures Literacy durch die Methode der Zukünftelabore fördern lässt.

Zukünftelabore sind Workshops, in denen Teilnehmende systematisch mit Zukunftsbildern arbeiten. Der Prozess verläuft in vier aufeinander aufbauenden Phasen.

  1. Aufdecken (Reveal): Zunächst werden bestehende Zukunftsvorstellungen sichtbar gemacht. Gleichzeitig werden die Annahmen reflektiert, die diesen Vorstellungen zugrunde liegen.
  2. Neu-Rahmen und Experimentieren (Re-Frame): In einem zweiten Schritt werden diese Annahmen bewusst verändert oder infrage gestellt. Es entstehen neue Zukunftsbilder.
  3. Abgleichen und Reflektieren (Re-Think): Anschliessend werden die unterschiedlichen Zukunftsvorstellungen miteinander verglichen. Daraus entstehen neue Fragen und Themenfelder.
  4. Handeln (Re-Do): Schliesslich steht die Frage im Zentrum, welche konkreten Schritte sich daraus für das eigene Handeln ableiten lassen.

Zukünftelabore sind damit weniger ein Instrument der Prognose als ein kollaborativer Lernraum. Sie verdeutlichen, wie unterschiedlich Menschen über Zukunft denken und eröffnen damit neue Perspektiven für gemeinsames Handeln.

Warum das für TRANSIT interessant ist

Gerade für eine Community wie TRANSIT liegt hier ein spannender Anknüpfungspunkt. TRANSIT bringt Menschen zusammen, die sich mit gesellschaftlicher Transformation und Zukunftsfragen beschäftigen wollen. In Workshops, Dialogen und Veranstaltungen versuchen wir immer wieder, mögliche Entwicklungen der Weiterbildung gemeinsam zu erkunden und Perspektiven für die Zukunft zu entwerfen.

Dabei haben wir in den letzten Jahren mit unterschiedlichen Zugängen gearbeitet: etwa mit Zukunftsszenarien, mit spielerischen Formaten zu Future Skills oder mit offenen Dialogformaten, in denen verschiedene Perspektiven auf zukünftige Entwicklungen zusammenkommen.

Vor diesem Hintergrund lassen sich Zukünftelabore als eine weitere interessante Spur lesen. Sie setzen weniger bei möglichen Entwicklungen selbst an als bei den Vorstellungen und Annahmen, die Menschen über Zukunft haben. Der Fokus verschiebt sich damit weg von der Frage «Wie wird die Zukunft aussehen?» hin zu der Frage «Welche Bilder von Zukunft prägen unser Denken und was passiert, wenn wir sie verändern?»