In den letzten Wochen sind mir verschiedene Beiträge begegnet, die sich mit der Rolle der Weiterbildung für eine demokratische Gesellschaft auseinandersetzen. Sie haben mich auch über unsere Arbeit bei TRANSIT nachdenken lassen. Denn gelegentlich frage ich mich, wie relevant unsere Themen und Fragestellungen für die Akteure der Weiterbildung eigentlich sind. Gerade in unserem aktuellen Fokusthema «Polarisierung» sehen viele Weiterbildungsanbieter vielleicht keine unmittelbar drängende und für ihre Arbeit relevante Zukunftsfrage.
Erst kürzlich haben die European Association for the Education of Adults (EAEA) und die irische Weiterbildungsorganisation AONTAS ein gemeinsames Statement zur Rolle der Weiterbildung für ein resilientes, demokratisches und wettbewerbsfähiges Europa veröffentlicht. Darin argumentieren sie, dass Weiterbildung weit mehr leistet als die Vermittlung arbeitsmarktrelevanter Kompetenzen. Sie ermöglicht demokratische Teilhabe, stärkt kritisches Denken und Medienkompetenz und kann dazu beitragen, Vertrauen und gesellschaftliche Resilienz aufzubauen. Eine besondere Bedeutung kommt dabei gemeinschaftsbasierten Bildungsangeboten zu, die auch Menschen erreichen, denen der Zugang zu formaler Bildung schwerfällt.
Aus einer etwas anderen Perspektive, aber mit ähnlichen Argumenten spricht der schwedische Wissenschaftler Magnus Dahlstedt in einem Interview im ELM Magazine. Er beschreibt die Bedeutung der schwedischen «folkbildning»: gemeinschaftlich verankerte, selbstbestimmte Formen der Weiterbildung, die sich an den Erfahrungen und Bedürfnissen der Menschen orientieren. Dahlstedt spricht von einem vielfältigen Ökosystem gemeinschaftsbasierten Lernens, einem «powerful vehicle for democracy, inclusion and social progress». Solche Lernräume schaffen Möglichkeiten der Begegnung, des gemeinsamen Lernens und der kritischen Auseinandersetzung. Er sieht sie zunehmend gefährdet, unter anderem durch eine Bildungspolitik, die Weiterbildung vor allem an vordefinierten Kompetenzen und Arbeitsmarktanforderungen ausrichtet. Was dabei verloren geht, sind Bildungsangebote, die auch Orte gesellschaftlicher Verständigung und demokratischer Teilhabe sind.
Beide Beiträge haben mich an die Diskussionen an unserem TRANIST-Event zu Polarisierung im September erinnert. Isabel Schuler von Pro Futuris sprach dort vom «Demokratiemuskel», den eine Gesellschaft immer wieder trainieren müsse. Dazu brauche es Begegnungsräume, Perspektivenwechsel und die Erfahrung, dass kontroverse Gespräche möglich sind, ohne dass sie sofort abbrechen. Ähnliche Gedanken hörte ich von den Teilnehmenden. Dabei ging es nicht nur um Bildungsangebote zur Demokratie oder zur politischen Meinungsbildung, sondern auch um informelle Begegnungen, etwa in Kaffeepausen, und um Lernsettings, in denen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Überzeugungen überhaupt miteinander ins Gespräch kommen.
Gleichzeitig wurde an der Veranstaltung eine Ambivalenz deutlich, die mich beschäftigt. Weiterbildung schafft nicht automatisch Begegnungen über gesellschaftliche Grenzen hinweg. Zielgruppenspezifische Angebote, unterschiedliche Zugangsvoraussetzungen und die soziale Selektivität der Weiterbildung können ebenso dazu führen, dass Menschen vorwiegend unter ihresgleichen bleiben. Wir diskutierten deshalb auch, ob Weiterbildung bestehende gesellschaftliche «Bubbles» nicht manchmal eher bestätigt, als sie aufzubrechen.
Gerade mit Blick auf soziale und affektive Polarisierung scheint mir das eine wichtige Frage. Dass Menschen unterschiedliche politische Überzeugungen vertreten und kontrovers miteinander streiten, gehört zur Demokratie. Problematisch wird es, wenn soziale Lebenswelten auseinanderdriften, Berührungspunkte verloren gehen und politische Differenzen zunehmend mit Misstrauen und gegenseitiger Abwertung einhergehen. Weiterbildung kann solche Entwicklungen nicht einfach umkehren. Und es wäre vermessen, Weiterbildung als Lösung gesellschaftlicher Probleme zu erklären. Aber sie kann einen Beitrag dazu leisten, dass Menschen trotz unterschiedlicher Erfahrungen und Überzeugungen miteinander im Gespräch bleiben.
Was mich an diesen unterschiedlichen Diskussionen interessiert, ist die Vorstellung von Weiterbildung als Teil einer sozialen und demokratischen Infrastruktur. Sie lenkt den Blick über einzelne Bildungsangebote und ihren unmittelbaren Nutzen hinaus auf die Frage, welche Rolle das Lernen Erwachsener für das gesellschaftliche Zusammenleben spielt. Damit öffnet sich auch eine Perspektive auf die Zukunft der Weiterbildung, die nicht ausschliesslich von den gegenwärtigen Herausforderungen der Anbieter ausgeht.
Allerdings bleibt die Frage, wie wir diesen gesellschaftlichen Anspruch mit der Realität des Weiterbildungssystems verbinden. Für viele Weiterbildungsanbieter in der Schweiz liegen die drängenden Herausforderungen verständlicherweise anderswo: bei Finanzierung, Nachfrage, Digitalisierung oder Qualität. Ist es da sinnvoll, dass wir uns bei TRANSIT mit Polarisierung beschäftigen? Ein gesellschaftlich relevantes Problem ist schliesslich nicht automatisch auch eine Zukunftsfrage der Weiterbildung.
Andererseits lässt sich die gesellschaftliche Relevanz einer Frage kaum allein daran messen, ob sie im Weiterbildungssystem bereits als konkreter Handlungsbedarf wahrgenommen wird. Es erscheint mir wichtig, dass ein Think-Tank wie TRANSIT gesellschaftliche Entwicklungen zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen nehmen kann, auch wenn deren Bedeutung für die Weiterbildung zunächst noch unklar ist.
Ganz einfach ist diese Position allerdings nicht. Wer bestimmt eigentlich, welche gesellschaftlichen Entwicklungen für die Weiterbildung besonders relevant sind? Und wie verhindern wir, dass wir aus einer gesellschaftlichen Problemdiagnose vorschnell einen Bildungsauftrag ableiten? Ein Think-Tank braucht eine gewisse kritische Distanz zu den bestehenden Institutionen und ihren unmittelbaren Interessen. Zugleich ist er auf das Wissen, die Erfahrungen und die Mitwirkung der Weiterbildungsakteure angewiesen. Ohne diese Verbindung drohen gesellschaftliche Zukunftsperspektiven abstrakt und praxisfern zu bleiben.
Die aktuellen europäischen Diskussionen und die Gespräche an unserem TRANSIT-Anlass bestärken mich jedenfalls darin, dass es sich lohnt, die gesellschaftliche Rolle der Weiterbildung in den Blick zu nehmen. Wir sollten die Zukunft der Weiterbildung deshalb nicht nur von den Herausforderungen des bestehenden Systems her denken, sondern auch von der Frage, welche Weiterbildung eine Gesellschaft in Zukunft braucht.
